Martin Luther King: Freiheit. J. B. Oncken Verlag, Kassel, 205 Seiten, 16 Seiten Bilder. 9,80 DM.

Seit 1945 lebte der Pfarrer Dr. Martin Luther King, ein Neger, in Montgomery, der Hauptstadt des Staates Alabama, von deren Einwohnern etwa die Hälfte Neger sind und damit allen den Beschränkungen unterworfen, die die Gesetzgebung der Südstaaten über ihre farbige Bevölkerung verhängt. Sicherlich litt auch King darunter, jedoch wie an einem gewohnten und vertrauten Leiden und ohne zu ahnen, daß es eines Tages auf ihn kommen würde, die Situation grundlegend zu ändern.

Dieser Tag war der 1. Dezember 1955, an dem die Schneiderin Rosa Parks, eine Negerin, müde von der Arbeit, im Autobus nach Hause fahrend, sich weigerte, einen der amtlich für Neger bestimmten Sitze einzunehmen und verhaftet wurde, wie dergleichen sich schon tausendfach abgespielt haben mag. Doch dieser Einzelfall beendete, ohne daß irgendein Grund dafür erkennbar geworden wäre, jäh die Geduld der Neger von Montgomery. Sie beschlossen, die Autobusse fortan strikte zu boykottieren, womit sie schon am 5. Dezember begannen. Die Geschichte dieses Boykotts schildert Dr. King in seinem Buche "Stride to Freedom", das in deutscher Übersetzung etwas allzu anspruchsvoll einfach "Freiheit" betitelt ist.

Kings Aufgabe war, dafür zu sorgen, daß mehr als 17 000 Neger zweimal täglich durch die Stadt befördert wurden, ohne die Autobusse zu benützen, Viele mußten zwar laufen, doch für ebenso viele gelang es, einen Auto-Pool zu schaffen. Farbige Autobesitzer durchkreuzten unerermüdlich die Stadt. Die Taxigesellschaften, soweit sie Negern gehörten, transportierten schwarze Arbeiter für 10 Cents, den Fahrpreis der Busse, die tatsächlich von keinem Neger mehr bestiegen wurden, auch nicht an Regentagen.

Was darauf folgte, wird in Umrissen noch erinnerlich sein: fehlschlagende Kompromißverhandlungen, Schikane gegen die Neger und ihren Auto-Pool, telephonische Drohungen, Bombenwürfe gegen ihre Häuser, dann eine Reihe von Prozessen mit wechselndem Ausgang, bis zum 13. Oktober 1956. An diesem Schicksalstag wurde gleichzeitig durch ein Gericht des Staates Alabama der Auto-Pool verboten, vom Supreme Court aber, dem obersten Gericht der Vereinigten Staaten, das Urteil einer unteren Instanz bestätigt, wonach alle Segregationen in den Bussen Alabamas verfassungswidrig seien. Der Auto-Pool also war beseitigt, zugleich aber auch die Gründe für seine Existenz.

Diese mehr als zehn Monate aktiven Protestes schildert Kings Buch, und es ist ein Stück Autobiographie daraus geworden, worin er selbst sichtbar wird, der untersetzte, intelligente, immer geistesgegenwärtige und mutige Mensch, voll guten Willens und übrigens von ziemlich heller Hautfarbe, sympathisch und redlich, allerdings wohl auch in bedeutendem Grade welt- und zeitfremd. Wiederum aber: Hätten diese Eigenschaften ihm gefehlt, wäre er vermutlich nie der geworden, der er ist, der gegenwärtig mindestens populärste und einflußreichste der amerikanischen Neger.

Trotzdem hinterläßt das Buch einen zwiespältigen Eindruck; denn der Optimismus, in dem King seinen lokalen Erfolg von 1956 für die Garantie einer Lösung der Negerfrage auch von 1964 hält, wirkt seltsam veraltet, wie jemand, der über Nacht ergraute, aber es selbst noch nicht bemerkte. Denn seit dem Busboykott von Montgomery hat die Rassensituation in Amerika sich geändert. Die Methode Kings, nach seiner eigenen Darstellung ein Amalgam des allumfassenden christlichen Liebesgebots – im Sinn des neutestamentarischen Begriffs der "Agape" – und des "gewaltlosen Widerstands" Gandhis, der "nur körperlich passiv, geistig aber höchst aktiv" sei, müßte heute versagen. Schon die Berufung auf Gandhi ist abwegig. Für den Inder kam es darauf an, ein altes, rational geordnetes Staatswesen wie das britische zu bestimmten Konzessionen bereit zu machen. Kings Problem aber ist, von Millionen weißer, oft sehr primitiver Menschen, jeden einzelnen dahin zu bringen, in seinem Verhältnis zu seinen schwarzen Mitbürgern Konzessionen zu machen –, Vorgänge also, die sich auf ganz anderen Ebenen abspielen müßten als die Aktion Gandhis, die den Argumenten der Gewaltlosigkeit ganz unzugänglich sind.