Unser Kritiker sah:

von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss

Salzburger Festspiele, Großes Haus

Seit 35 Jahren steht diese "Komödie für Musik" im Repertoire der Salzburger Festspiele. Sie gehört als die "Mozart-Oper" von Richard Strauss zu den Standardwerken. In der gegenwärtigen Inszenierung von Rudolf Hartmann (Ausstattung: Teo Otto) wurde "Der Rosenkavalier" vier Sommer lang gespielt und ein Jahr dazwischen ruhen gelassen. Erst bei der Wiederaufnahme (1963) erschien die Aufführung ausgereift. Jetzt ist zu befürchten, daß sie bald als überfällig bezeichnet wird und routinegemäß verschwindet. Das wäre ein Verlust, den man nicht leichtfertig herbeiführen sollte. Es wäre überhaupt Unfug, wenn bei Festspielen, die von einem so vielfältigen, internationalen Publikum besucht werden, disponiert würde wie für Abonnenten der Repertoiretheater.

Noch nicht sich selbst entfremdet sind die Bühnenwerke von Richard Strauss durch einen Knick im Stil der Wiedergabe, wie ihn Mozart durch die Romantik und Richard Wagner seit dem Expressionismus erlitten haben. Trotzdem zeichnen sich auch bei Richard Strauss Varianten ab, die substantiell bedeutsam sind. Ein solches Beispiel bietet Karajans Salzburger "Rosenkavalier"-Auslegung. Karl Böhm packte die Partitur musikantischer an. Clemens Krauss mischte dem Schmelz der Soprane ein wenig Schmalz im Orchester bei. Herbert von Karajan führt nun zu letzter musikstilistischen Konsequenz, was als erster wohl Erich Kleiber im "Rosenkavalier" entdeckt hat: das Silberfiligran der Orchesterstimmen, den Symbolrang der Instrumentationsarbeit, die Absolutheit einer Komödie, die Hofmannsthal "für Musik" geschrieben und Strauss cum grano salis fast als absolute Musik gesetzt hat.

Wieder sind in Salzburg die Protagonisten versammelt, die sich in jahrelanger Bemühung einen heute einmaligen Konversationsstil Straussischer Musikdeklamation errungen haben: Elisabeth Schwarzkopf (Marschallin), Otto Edelmann (Ochs), Sena Jurinac (Octavian), Anneliese Rothenberger (Sophie). Höhe- und Schwerpunkt bleibt der erste Akt. Hier ist Karajans Stil, auch dank Hartmanns schon im vorigen Jahr nachgefeilter Inszenierung, rein verwirklicht.

Wie der Sänger des "Sängers" im ersten Akt auf eine Verlegenheitsbesetzung schließen läßt, so erweist sich die Aufführung dann im zweiten und in Teilen des dritten Aktes als Ganzes nicht perfekt. Gelegentliche Stimmtrübungen der Jurinac und Rothenberger mögen Zufälle gewesen sein. Zu manchen Nebenpartien muß jedoch angemerkt werden, daß sich erst durch gestochene Randschärfe festspielhafter Rang erzielen läßt. In diesem Sinne möge für die nächste "Reprise" weitergearbeitet werden. Johannes Jacobi