Elisabeth, die aber durch Symbolspielerei immerfort verdeckt wird. Die ungelöste Tragödie Tannhäusers, der weder als Sünder noch als Sänger noch als Büßer zur Ruhe kommt, wird durch die Dies eben war und ist zu inszenieren. Nimmt man die christliche Symbolik allzu ernst, so verfälscht man die wirkliche Tragödie. Auch die Musik hilft da — anders als im "Parsifal" — noch nicht aus. Nimmt man die Mannen und Edeldamen der Wartburggesellschaft allzu ernst, so verkennt man, daß Wagner den Sängerkrieg wahrhaftig nicht zugunsten von Wolframs "hoher Liebe" und des landgräflichen Literaturgeschmacks entscheidet (Wie es mit Wolframs Kunst in Wahrheit steht, sagt — zitierend — der Musiker Wagner im Nachspiel zum Gebet der Hisabeth ) Da gibt es Züge einer sublimen Kritik und sogar Satire, die kaum verdeckt werden dürfen, soll nicht spießige Konvention den Sieg davontragen über Tannhäusers tragisches Künstlertum. Widersprüche über Widersprüche. Man muß sie aufdecken, nicht vertuschen.

vor allem im dritten Akt weit besser gelungen als noch vor zwei Jahren. Das Ringen der beiden Männer, Freunde uid Künstler — Tannhäusers und Wolframs — im dunklen Wald wirkt erschütternd. Tragödie hat auf der Szene das letzte Wort. Alles andere — Erlösung, Heil, Wunder — überließ man, mit Recht, der Musik. Auch der Sängerkrieg ist gut dargestellt. Das "Shocking" der entrüsteten Hofgesellschaft mit panischer Flucht der Damen und Raufstimmung der deutschen Ritter ist ergötzlich, und soll es auch sein. Ganz mißlungen der Venusberg. Ein trauerndes Gedenken dem Ballett Bejarts von 1962. Dies hier ist nicht einmal Darstellung des Liebesekels, eines taedium atnoris. Man sieht etwas Volkslurnen und etwas Polowetzer Tänze aus "Fürst Igor". Die musikalische Fassung — weder Dresden noch Paris — wirkt nicht sehr überzeugend. Darunter leidet auch der Schluß des ersten Aktes. Dann aber geht es steil aufwärts.

Auch bei Otmar Suitner, dem neuen Dirigenten. Zu langsame Tempi der Ouvertüre, die er aber — noch stärker als Sawallisch vor ihm — deutlich als Kampf zweier musikalischer Prinzipien aufbaut: der Venusberg leiht sich nicht dazu her, bloße Streicherbegleitung zum Pilgerchor abgeben zu müssen. Das Orchester ist sehr durchsichtig und klangschön. Auch Suitners Höhepunkt ist der dritte Akt.

Bei der Premiere soll Wolfgang Windgassens Tannhäuser enttäuscht haben. Kein Wunder, wenn ein wunderbarer Tristan am nächsten Tag die gestalterisch und stimmlich so schwierige Tannhäuser Partie zu singen hat. Bei der zweiten Aufführung war Windgassens Tannhäuser seinem Tristan ebenbürtig. Die Rom Erzählung hat er vielleicht noch nie so erschütternd gestaltet wie jetzt, da er das Verdikt des Papstes nicht hinausschmettert, sondern verhalten, vom Grauen und von der Scham geschüttelt, berichtet.

würdigerweise — trotz der hochdramatischen Stimme — am stärksten im Gebet. Sie hat herrliche Momente, aber auch, besonders in der Hallen Arie, starke Intonationsschwankungen. Dies ist keine stilisierte Heilige, sondern ein liebender und leidender Mensch. Eberhard spieler Tannhäusers. Stimmlich überzeugte er vor zwei Jahren weit mehr. Auch die Wandlung Wolframs vom selbstgefälligen Wartburgstar zum erschütterten Künstler kommt allzu wenig zum Ausdruck. Eine große Überraschung bedeutete Martti Talvela als Landgraf. Herrliche Stimme, musterhafte Deklamation, dazu die herrische Autorität eines Fürsten und Hüters der Tradition. Barbro Encson macht die dunkle Venus der Grace Bumbry nicht vergessen. Kritisieren bedeutet Vergleichen. Man muß die sehen haben: dieses Potpourri aller Aufführungen von einst und jetzt, mit überflüssiger Psychologie, Hoftheaterposen und stilisiertem Jägergefolge des Landgrafen, das choreographisch nach Weise der sieben Schwaben einherstolziert, um zu verstehen, mit welchem Ernst hier in Bayreuth das brüchige und doch — oder deswegen — so gewaltige Werk durchdacht und auf die Bühne gebracht wurde.

Man hat die neuen Bayreuther "Meistersinger" als Parodie bezeichnet, und bei Joachim Kaiser war sogar von "bösen" Meistersingern die Rede. Wieland Wagner habe es verabsäumt, den "Traum" Richard Wagners auf die Bühne zu bringen.

Aber der Traum ist aus. Er setzte ein heiles Nürnberg voraus, so wie es Wackenroder zuerst als deutsches Symbol verstand: ihm folgten E. T. A. Hoffmann und Richard Wagner. Allein das Symbol verbrannte. Wer heute den Meistersingertraum inszeniert — Wieland Wagner hat es vor Jahren getan, und man hat es hm wenig gedankt — muß auf Nürnberg verzicken. Jetzt erlebt man Nürnberg auf der Festspielbühne, nicht mehr den Wagner Traum von alter deutscher Art und Kunst. Meistersinger ohne 19. Jahrhundert: aber als Vision vom echten Nürnberg der Hans Sachs, Peter Vischer und Adam Krafft. Von den Menschen, nicht von den Bauten. Wer dem Nürnberg der Wagner Zeit nachtrauert und die Traulichkeiten vermißt, verwechselt Richard Wagner mit der Zeit falscher Butzenscheiben. Er träumt, ob er es will oder nicht, einen restaurativen Traum.