Manche Eilbriefe von München nach Hamburg brauchen mindestens zwei Tage – aber in einer neuen Wochenschau zeigt uns die Post einen Brief, der von Mittenwald bis zu seinem Empfänger in Norddeutschland einen Tag braucht. Und der Zuschauer soll glauben, es handele sich nicht um ein historisches Ereignis aus besseren Tagen, an die man uns wohl besser nicht erinnern sollte.

Doch wollen wir der Post kein Unrecht antun. Wie fix es bei ihr zugehen kann, das hat sie mit den Lübke-Briefmarken bewiesen. Für sie war die Berliner Wahl mehr oder weniger eine etwas überflüssige Bestätigung ihrer eigenen Wahl-Voraussage. Es sei denn, sie hätte auch Millionen von Bucher-Marken drucken lassen und die würden jetzt gerade eingestampft. Unberechtigt wäre es auch, ihr die Großsiedlung von 9000 Seelen in München, die vorläufig ohne Anschluß bleiben müssen, weil man nicht daran gedacht hatte, für sie ein Amt einzurichten, vorzuwerfen. Hat sich vielleicht jemand die Mühe gemacht, der Post etwas von dieser Großsiedlung zu sagen? Na, also! – Und wenn ich seit vier Jahren keinen Auftragsdienst in Anspruch nehmen kann, dann liegt das auch nicht an der Post. Sondern an mir, der ich so töricht war, mir eine Wohngegend auszusuchen, deren Telephonnummern alle mit 57 anfangen.

Man soll unsere Bundespost nicht überfordern. Sie hat alle Hände voll zu tun.

Zum Beispiel muß sie sich immer neue Gründe ausdenken, warum sie die Gebühren erhöht und ihre Leistungen gleichzeitig senkt. Dann muß sie eine gewisse Missionstätigkeit erfüllen, indem sie uns durch ganze Briefmarken – Serien dem Christentum näherbringt. Und mit dem 1. August ist sie auch noch zu einer Behörde für Volkserziehung und Zensur geworden. Eine deutsche Post konnte sich auf die Dauer nicht damit begnügen, Post einfach nur von einem Ort zum anderen zu befördern. Was mochten solche Postsachen alles enthalten! Derbe Zoten, pornographische Anspielungen, Beschimpfungen unserer Politiker, Attentatspläne, marxistisches Gedankengut – um nur einiges zu nennen. Das konnte unserer Post nicht gleichgültig bleiben. Hier war noch etwas zu unterbinden und zu verbieten. Und darum werden, nach der neuen Postordnung, "Sendungen... deren einsehbarer Inhalt gegen das öffentliche Wohl oder die Sittlichkeit verstößt" nicht befördert. Der Post ist dieses "Ding" da, dieses anstößige, so widerlich, daß sie es nicht einmal an den Absender zurückbefördert, weil das für sie eine Zumutung wäre. Wer sich also zu obszönen Zeichnungen hinreißen läßt, der sollte die lieber eingeschrieben schicken, das ist noch einigermaßen sicher.

Ganz erbost ist die Post bei Vermerken politischen oder religiösen Inhalts auf der Aufschriftseite! Da gab es wahrscheinlich Leute, die schrieben neben den Absender: "Liebe Deinen Nächsten!". Oder: "Nun danket alle Gott!". Andere wieder konnten nicht umhin, auf eine Ansichtskarte "Wer Erhard wählt, wählt Strauß" hinzukritzeln. Oder: "Wer Brandt wählt, wählt Wehner!". Ganz freche haben Erhard-Photos verschickt und dazu: Bitte, nicht stürzen! geschrieben. Das alles läßt sich die Post nicht mehr bieten. Weil man aber nicht ganz sicher sein kann, wieweit man bei ihr in Zukunft gehen darf, empfiehlt es sich bei Postkarten, von der Post genehmigte Vordrucke anzuschaffen, die bei den sie kontrollierenden Postbeamten keinen Anstoß erregen.

Was diese Leute anbelangt, so wird die Post, trotz ihres Personalmangels, gründlich geschulte und moralisch gefestigte Beamte abstellen müssen, die sofort wissen, ob der Inhalt einer Postsache gegen das öffentliche Wohl und die Sittlichkeit verstößt. Außerdem müssen sie befähigt sein, solche Kontrollen durchzuführen, ohne gegen einige Verfassungsbestimmungen zu verstoßen. Das ist aber, in Anbetracht der guten Sache, um die es hier geht, weniger wichtig. Die zuständigen Beamten sollen den Inhalt solcher gefährlichen Briefe ja nicht lesen, sondern nur zur Kenntnis nehmen.

Falls nun einer der Meinung ist, wenn von den Leistungen der Post die Rede ist, so sei das wohl das, was sich die Post bei uns leisten kann – dann sollte er das lieber nicht offen schreiben. Es kommt bestimmt nicht an.