Von Dmitrij Schostakowitsch

In der Kunst gibt es eine eigene, sozusagen mit nichts anderem vergleichbare Zeitrechnung – besondere Stunden, Tagesabläufe, Jahre, Jahrhunderte. Diese Zeit stimmt nicht immer mit dem gewöhnlichen Lauf des Lebens überein – bald hinkt sie ein wenig hinterher, bald eilt sie voraus. Und obwohl die Kunst auf eine sehr tiefe Art mit dem Leben korrespondiert, bewegt und entfaltet sie sich dennoch nach eigenen Gesetzen. Die qualitativen Veränderungen und der Fortschritt gehen bei ihr nicht plötzlich vor sich und werden nicht sofort erkannt.

Ich spreche deshalb davon, weil es mir sehr schwerfällt, die Veränderungen zu beschreiben, die in letzter Zeit in der sowjetischen Kunst vor sich gehen. Man kann zwar nicht sagen, daß die Schriftsteller und Komponisten in diesem Jahr begonnen hätten besser zu arbeiten, daß sie mehr Werke vollbracht hätten als ein oder zwei Jahre zuvor. Aber man kann sicherlich verkünden, daß wir alle jetzt anders arbeiten als früher.

In unserem künstlerischen Leben hat sich vieles geändert seit den historischen Begegnungen der Partei- und Staatsführer mit Literaten und Künstlern. Der gesellschaftliche Anteil im Leben jedes sowjetischen Künstlers ist größer geworden. Wir alle leben und arbeiten in dem neuen, wundervollen Gefühl einer noch größeren geistigen Nähe zur heimatlichen Kommunistischen Partei. Aufrichtigkeit, Herzlichkeit, irgendeine besondere Wärme des persönlichen Umganges mit den Parteiführern – all das erfreut, beflügelt, gibt den sowjetischen Künstlern gewaltige schöpferische Antriebe. Das ist großartig!

(Es folgen dreißig Zeilen Lob und Kritik musikalischer Aufführungen in der Provinz.)

Die Frage der Qualität, der künstlerischen Meisterschaft ist eine Existenzfrage der Kunst. Von welchen schöpferischen Errungenschaften kann man schon sprechen, wenn ein Komponist die Technik seines Faches nicht beherrscht? Gute Absichten, ein treffliches Thema – das ist noch. nicht Kunst.

Bei dieser Gelegenheit auch ein Wort über leichte Musik. Die ungünstige Situation auf diesem Felde schöpferischer Arbeit muß auf uns alarmierend wirken. Die leichte Musik, darunter auch der Jazz, besteht einstweilen für sich, isoliert von den großen Aufgaben unserer Kunst – und hätte doch ungeheure Möglichkeiten, wäre geeignet, sich an Millionen von Menschen zu wenden.