Die Jäger haben die grüne Farbe vervielfältigt. Die Multiplikation des Grüns ergibt: Grün ist der Anzug, der Schlips, die Hoffnung, das Hemd und der Hut des Jägers. Und einer der gewandtesten Ahnherrn der deutschen Zunge weidmännischen Genres, Hermann Löns, ließ es dabei nicht bewenden; er sang: Grün ist die Heide, die Heide ist grün, obwohl sie das nie ist. Beim deutschen Jäger ist alles grün. Es gibt nichts Grüneres als den deutschen Weidmann, obschon das Sprichwort allgemein bekannt ist: "Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen." Grün ist selbst das Charakterbild des Jägers, das von der Parteien Haß und Gunst verwirrt und in der Geschichte schwankend geworden ist.

Ich sitze auf dem Hochsitz und erwarte den Bock; doch ein Vogel hat überraschend auf einer Kante des Hochsitzes Platz genommen, grau und fein rötlich getönt das Gefieder, schwarzer Halbring am Hals, der oberhalb hellgrau eingefaßt ist. Dieser Vogel, die Türkentaube, steht in keinem guten Ruf, und es besteht keine Hoffnung, daß ihm in unseren Städten einmal ein Denkmal gesetzt wird.

Wahrscheinlich sind schon Wissenschaftler dabei, ein Kapitel Verhaltensforschung über diesen Vogel zu betreiben, der im letzten Jahrzehnt über Europa gekommen ist wie weiland die Bisamratte oder, in früheren Jahrhunderten, die Heuschrecke. Kaum ein Lokalredakteur an irgendeiner Provinzzeitung hat das Auftreten der Türkentaube (Streptopelia decaocto) nicht kommentiert. Keine Großstadt und keine Kleinstadt, kein Wald- und Feldrevier und kein Kurpark, in denen man nicht ihr "Hulen" hört. In der Bundeshauptstadt Bonn behauptet eine Leserin, diese Tiere seien schrecklich; nicht das Geläut der frühen Kirchenglocken, nicht die Sozialgeräusche der frühen Morgenstunde, wenn die Kraftwagenmotoren zu toben beginnen, sondern eben jene Türkentaube raube ihr die Nachtruhe. Der Ruf dieser Taube von Fernsehantennen, Bäumen und Dächern sticht von der Norm des sommerlichen Vogelsanges deutlich ab. Die Türkentaube huuuult; ihr nerventötender Ruf ist "du duh du duh du." Der Lokalredakteur hat sich nicht um den Satz geschoren, sie, die ältere Leserin, werde sich noch umbringen, wenn nicht was geschehe gegen die Türkentauben. Man schätzt Hunderttausende dieser Spezies allein in Deutschland.

Den Jäger, dem sie oft im Revier begegnet, verwirren sie; er findet, sie sehen alle ein wenig wie Madonnen aus. Brehm nannte die Taube ‚Weltbürgerin", Picasso nahm sich die Freiheit, ihr einen Platz in der Politik, Hans Albers, ihr einen in der Schmalzkiste zu sichern. Tauben sind großartige Flieger, den Greifvögeln stehen sie an Schnelligkeit und Wendigkeit kaum nach, in manchen Wappen gibt es den Adler. Eine Taube auf grünem Grund, das wäre was für die agdliche Couleur. Walter Henkels