G. Z. Frankfurt

Das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (ifas) hat eine Stadt porträtiert: Die Interviewer stürzten sich über Kassel her. Von einem "repräsentativen Querschnitt" wollten sie alles wissen – die Lebensgewohnheiten, private Pläne, das Verhältnis zum Rathaus, welche Verkehrsmittel benutzt werden und was man sonst noch fragt, wenn man sich ein Bild von einer Stadt machen will.

Fühlt der Mensch sich wohl in der großen Stadt? Den Befragten wurde eine Sympathieskala vorgelegt, die von plus 5 bis minus 5 reichen sollte. Der erreichte Durchschnittswert für die Kasseler Bevölkerung liegt bei 3,6. In anderen westdeutschen Großstädten kam man zu ähnlichen Ergebnissen. Nur im Ruhrgebiet liegen die Sympathiekurven niedriger. Die "kritische Schwelle" von 4,0 wird nach den Untersuchungen der Sozialwissenschaftler nur in einigen wenigen Großstädten erreicht und überschritten, wie in München, Hamburg und Hannover.

"Zu den Funktionen des Rathauses bestehen keine besonderen persönlichen Bindungen", stellten die Befrager fest. "Kontakt zum Rathaus", also in der Praxis der "Gang zur Behörde", wird vermieden. In Kassel gab jeder zweite an, er habe "gar nichts" mit dem Rathaus oder den städtischen Dienststellen zu tun. Das Institut hat dieses Ergebnis mit Untersuchungen in anderen Städten verglichen und dabei festgestellt: eine Erscheinung, die überall anzutreffen ist. Die Kontakte zum Rathaus würden nur zu einem geringen Teil durch persönliche Vorsprache wahrgenommen; bereits jeder vierte, der mit dem Rathaus zu tun habe, bediene sich des telefonischen oder schriftlichen Verkehrs. "Diese Formen entsprechen dem bürokratischen Stil eher und umgehen das Reglement der Besuchszeiten, dem jede Behörde ihre Besucher und Antragsteller unterwirft."

In den Rathäusern weiß man das und versucht, bei Bürgerversammlungen den Einwohnern Einblick in die Geschicke der Stadt zu geben. Doch: Nur eine sehr kleine Gruppe, nämlich etwa jeder sechste Erwachsene, hat schon einmal in Kassel eine Bürgerversammlung besucht. Es waren vor allem die älteren Bürger, die in den Versammlungen erschienen. Um jedoch alle Bürger zu erreichen, hat die Kasseler Stadtverwaltung eine ganze Reihe informative Schriften herausgegeben. Nach den Auflagenzahlen müßte jeder Haushalt in Kassel wenigstens einmal eine dieser Broschüren zu Gesicht bekommen haben. Jedoch ein Drittel des "repräsentativen Querschnitts" erinnert sich gar nicht daran, so etwas überhaupt je gesehen zu haben. Das Institut schließt daraus: Das Interesse an der Gemeinde, das derartige Broschüren wecken sollen, muß bis zu einem gewissen Grade bereits bestehen, damit die Schriften überhaupt wahrgenommen werden.

Die Sozialwissenschaftler haben den Besuch der Bürgerversammlungen und die Erinnerung an Informationsmaterial als Indiz für das Interesse an der Kommune bewertet. Nach diesen Merkmalen haben sie drei "Bürgerschaftstypen" unterschieden: die Aktiven, die Ansprechbaren und die Indifferenten. Die Ansprechbaren machen 5 Prozent, die Indifferenten 32 Prozent und die Aktiven 14 Prozent der Kasseler Bürgerschaft aus. Bemerkenswert ist dabei, daß die Aktiven erheblich älter sind als die Angehörigen der übrigen Gruppen. Die Auswertung der Tabellen ergab auch: Beschäftigung mit Gemeindeangelegenheiten ist Männersache. Nur ein Viertel der Aktiven, die in Kassel gezählt wurden, sind Frauen. Die große Gruppe der Ansprechbaren und Indifferenten, zu dieser Überzeugung kamen die Sozialwissenschaftler, sind sich der Bedeutung des Kontakts zwischen Bürger und Verwaltung gar nicht bewußt: "Die Vorstellung, eine Verwaltung funktioniere um so besser, je näher sie dem Bürger steht und je mehr Einblick er in sie gewinnen kann, ist kein allgemeines Postulat."