Vizeadmiral Roy Johnson, Befehlshaber über 125 Schiffe, 650 Flugzeuge und 6400 Mann der 7. US-Flotte, besuchte Ende Juli in Saigon den neuen US-Befehlshaber in Südvietnam, Vier-Sterne-General William Westmoreland. Aus dem Zweck seines Besuchs machte er kein Geheimnis: Er wollte prüfen, wie die Pazifik-Flotte den Kampf gegen die kommunistischen Vietcong unterstützen kann. Vierzehn Tage später, zu Beginn dieser Woche, wurden US-Zerstörer im Golf von Tongking von nordvietnamesischen Schnellbooten angegriffen. War diese tollkühne Attacke der winzigen Flotte Ho Tschi-minhs auf die Armada einer Weltmacht die Quittung für Admiral Johnson?

Sein Namensvetter im Weißen Haus reagierte blitzschnell. Mit Rückendeckung beider Parteien befahl er Vergeltungsangriffe gegen Versorgungsbasen der südvietnamesischen Marine. Präsident Johnson an sein Volk: "Unsere Antwort ist begrenzt und angemessen. Wir suchen immer noch keinen größeren Krieg. Aber es ist meine durchdachte Überzeugung, daß Festigkeit immer anerkannt wird. Ihre Mission ist der Friede."

Warum diese plötzliche, gefährliche Zuspitzung? Drei Gründe werden genannt:

1. Die Chinesen hauen erst vor einem Monat die ausländische Schiffahrt am Ende des Golfs von Tongling bei der strategisch-wichtigen Halbinsel Leitschou scharf beschränkt. Seitdem sie starke Armeen in Südchina konzentrieret, wollen sie sich hier nicht mehr über den Zaun schauen lassen. Erst durch die letzten Zwischenfälle erfuhr die Welt, daß US-Kriegsschiffe seit Jahren in den Gewässern vor Nordvietnam patroullieren.

2. Peking und Moskau drängen auf eine neue internationale Konferenz über Vietnam und Laos und wollen vielleicht durch die neue "Eskalation" die Westmächte an den Konferenztisch zwingen.

3. Ebenso ist es jedoch möglich, daß die Chinesen und ihr Verbündeter Nordvietnam Moskau in eine heikle Position manövrieren wollen, nachdem die Sowjetunion gegen den Willen Pekings ein Kommunistisches Konzil einberufen hat.

Praktisch hat Moskau in Indochina jeden Einfluß auf die militärischen Operationen verloren. Dennoch bleibt es bemüht, gegenüber Peking nicht das Gesicht zu verlieren. So drohte es beim Besuch des britischen Außenministers Butler im Kreml, den Vorsitz der Laos-Konferenz, den es zusammen mit London einnimmt, niederzulegen, wenn nicht sofort eine neue Konferenz anberaumt werde.