An der Hauptverbindungslinie zwischen München und Lindau, die auf der Bundesstraße 12 bis Landsberg am Lech und dann auf der Bundesstraße 18 weiter führt, liegt wenige Kilometer südöstlich von Memmingen die Benediktinerabtei Ottobeuren. Sie feiert in diesem Jahr ihr 1200jähriges Bestehen – und dieses Jubiläum hat nicht nur lokale und kirchliche, sondern europäische und kulturgeschichtliche Bedeutung. Das Kloster mit der doppeltürmigen Abteikirche als geistigem und baulichem Mittelpunkt, ein mächtiger Akzent in der voralpinen Hügellandschaft des Allgäus, wird seiner Großartigkeit wegen gelegentlich als "schwäbischer Escorial" bezeichnet, und das ist keine ungerechtfertigte Übertreibung. In der heutigen, zum Jubiläum in neuem Glänze erstrahlenden Gestalt ist der Gebäudekomplex des ehemaligen "Reichsstiftes" 200 Jahre alt und stellt die größte unversehrt erhaltene barocke Klosteranlage auf deutschem Boden dar. Die prächtige Kirche und päpstliche Basilika ist von Johann Michael Fischer in den Jahren 1748 bis 1766 erbaut worden.

Das monastische Leben Ottobeurens ist in der Tat seit der Gründung der Abtei vor zwölf Jahrhunderten niemals erloschen; es ist selbst in der Zeit der Säkularisation von einer Anzahl treuer Mönche weiter gepflegt worden. Über die Geschichte und das weitreichende kulturschöpferische Wirken der Ottobeurener Benediktiner gibt eine Jubiläumsausstellung (geöffnet noch bis 6. September) einen eindrucksvollen Überblick. Da kann man viele Kunstwerke – besonders wertvolle von der Hand des anonymen "Meisters von Ottobeuren" –, Handschriften und Dokumente betrachten, die zum Teil durch die Säkularisation von 1803 in alle Winde verstreut worden waren und jetzt als Leihgaben wieder zusammenkamen.

Die unzählbaren Veranstaltungen zur Jubiläumsfeier reichen noch in diesen Monat. Sogar eine internationale Ballonwettfahrt fand schon statt, zur Erinnerung an den ersten Ballonstart in Deutschland, den am 22. Januar 1784 der Ottobeurener Mönch P. Ulrich Schiegg unternommen hatte. Für die lebendige wechselseitige Durchdringung geistlicher, geistiger, musischer und eindeutig weltlicher Belange an dieser alten Stätte fruchtbarer Kulturarbeit ist es auch bezeichnend, daß der Markt Ottobeuren seinen wichtigen Anteil an den festlichen Wochen nimmt. Er schmückt nicht nur seinen Hauptplatz mit einem neuen Marienbrunnen – er richtet auch ein neues Moorbad ein, um seinen Ruf als Kurort zu festigen. Denn Ottobeuren ist der Heimatort des berühmten Pfarrers Sebastian Kneipp, der bei dieser Gelegenheit auf eine sehr praktische Art geehrt wird.

Es ist nun kein Zufall, daß bei den Festlichkeiten der Musik auffallend viel Platz eingeräumt ist. Schon in der Ordensregel des heiligen Benedikt war auf die Pflege des musikalischen Anteils an der Liturgie und an den religiösen Übungen der Mönche großer Wert gelegt worden. Gerade auch in Ottobeuren hat man sich daran die ganzen langen Jahrhunderte hindurch besonders gewissenhaft gehalten, und so wurde die Abtei zu einem süddeutschen Musikzentrum.

Die Basilika birgt die schönsten und besterhaltenen alten Orgelwerke der Welt. Im Verein mit der 1957 vom Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie gestifteten Marien-Orgel bilden sie eine einzigartige Synthese von barockem und modernem Klangerlebnis. Den hohen musikalischen Rang Ottobeurens bezeugen ferner zwei bedeutsame geschichtliche Dokumentationen: ein handschriftlich erhaltenes Antiphonar mit vierstimmigen Sätzen von 1577 und das Widmungsexemplar des "Teutschen Psalters" von Orlando di Lasso an den damaligen Abt.

Diese große Tradition ist nach dem letzten Kriege wieder aufgegriffen worden. So gibt es hier seit 1945 wieder geistliche Konzerte, Orgeltage und Musikwochen, an denen regelmäßig auch Künstler, Dirigenten, Orchester und Chöre von internationalem Namen, wie gelegentlich auch ganze ausländische Musiziergemeinschaften mitwirken. Daß es dabei nicht nur um das unvergängliche Musikgut der Vergangenheit geht, sondern daß man auf diesem Gebiet auch um die Erschließung neuer Wege bemüht ist, das zeigt unter anderem die in das Jubiläumsprogramm eingefügte Musikwoche des Arbeitskreises "Junge Musik" vom 17. bis 28. August.

Eine Pointe von besonderem historischen und kulturellen Gewicht, dazu sogar politischer Aktualität, wird aber der Ausklang der Feiermonate setzen: die deutsch-englische Begegnung am 5. und 6. September. Was mit dieser Begegnung gemeint ist, wird daraus ersichtlich, daß zu ihr der Provost von Coventry erscheinen und an einem Pontifikalamt in der Basilika teilnehmen wird. Die St.-Michaelis-Kathedrale von Coventry, erst vor ein paar Jahren aus dem Schutt wieder erstanden, geht ja auch auf eine Benediktinergründung zurück. So gilt die Begegnung also nicht allein einer sichtbaren Bekundung des Versöhnungswillens, sondern auch einem Gedenken des gemeinsamen Ursprungs zweier getrennter Glaubenshaltungen.

Eine Messe des großen elisabethanischen Meisters William Byrd und das "War-Requiem" von Benjamin Britten werden dem Sinn der Begegnung musikalischen Ausdruck geben. Die Leitung haben Meredith Davies und Benjamin Britten. Dieses Ereignis erläutert am beredsamsten die "Bitte" Ottobeurens im Veranstaltungsprospekt: "das Jubeljahr mitzufeiern im Erleben der Vergangenheit – als Gabe und Aufgabe für Gegenwart und Zukunft." Walter Abendroth