"Beterfigur"

(Nippur, 1. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.)

KÖLN (Wallraf-Richartz-Museum):

"Schätze aus dem Irak"

Mesopotamien, das "Land zwischen den Strömen", zwischen Euphrat und Tigris, gehört politisch zum Irak, in mythischer Sicht erscheint es als Wiege der Menschheit und Garten Eden. Die moderne Archäologie hat es durch zahllose Ausgrabungen als das älteste Zentrum menschlicher Hochkultur bestätigt. Zum erstenmal werden "Schätze aus dem Irak" in Europa gezeigt. Sie stammen fast ausnahmslos aus dem Irak-Museum in Bagdad und umfassen den Zeitraum von der Hassuna-Zeit (Mitte des fünften vorchristlichen Jahrtausends) bis zum frühen Islam. Die ältesten Objekte sind keramische Erzeugnisse, reich bemalte Gefäße, die schon dadurch, daß sie zoomorph, als Fisch oder Stachelschwein gestaltet sind, über den reinen Gebrauchszweck hinausweisen. Daneben gibt es schon auf dieser frühen Stufe weibliche Terrakottafiguren, Bilder der Muttergöttin oder, nach Ansicht von Heinrich J. Lenzen, dem Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Bagdad, der die Ausstellung vorbereitet und das Katalogvorwort verfaßt hat, Symbole für das "Mütterliche". Zu Beginn des vierten Jahrtausends kommt bereits die Töpferscheibe in Gebrauch. Die Frauenterrakotten wechseln ihren Typ, sie werden schlank und zierlich – statt voluminöser Mütterlichkeit weibliche Anmut. In die Blütezeit der sumerischen Kultur gehören die ältesten Schrifttafeln, um 3200, sie wurden in Uruk-Warka, der Stadt des Gilgamesch, gefunden. Die "Beterstatuetten" des dritten Jahrtausends hielt man früher für Götter, heute gelten sie als Bilder von Menschen "im Gestus der ewigen Anbetung". Noch interessanter und noch rätselhafter als der kultische Sinn dieser Figuren erscheint ihre stilistische Eigenart. Die abgebildete Statuette mit langem Zottenrock weist in ihren Gesichtszügen einen Realismus auf, der an römische Porträtbüsten denken läßt, während der Rumpf und die abgewinkelten Arme streng abstrahiert erscheinen. Zeit- und Stilbegriffe verschwimmen angesichts dieser mesopotamischen Funde im Zwielicht. "Altbabylon" ist vergleichsweise jung gegenüber der Neusumerischen Kultur. In dem altbabylonischen "Orpheus", einem Tonrelief aus Nippur, mit einem knieenden Lautenspieler, dem die Tiere zuhören, ist den griechische Mythos vorweggenommen. Professor Dr. W. Fröhlich, der Direktor des Kölner Rautenstrauch-Joesf-Museums, hat mit dieser Ausstellung die Reihe seiner Erkundungen des Alten Orients fortgesetzt, die mit der "Kunst der Hethiter" und den "Schätzen aus Thailand" begann (bis zum 20. September in Köln).

STUTTGART (Württembergischer Kunstverein):

"Moderne polnische Tapisserie"

Mit der Gebrauchsgraphik, speziell mit dem Plakat, hat Polen im westlichen Europa erste Lorbeeren geerntet. Das zweite Gebiet angewandter Kunst, auf dem es mit dem Westen mühelos konkurrieren kann, ist die Tapisserie. 35 großformatige Wandteppiche, die vorher schon im Kunsthaus Hamburg zu sehen waren, sind bis zum 6. September in Stuttgart ausgestellt. Was die polnischen Weberinnen und Weber grundsätzlich von ihren Kollegen in Paris, dem westlichen Zentrum der modernen Tapisserie, unterscheidet: In Paris werden die Teppiche von bekannten Malern entworfen und in Manufakturen ausgeführt. Die Teppiche sind ins Textile transponierte "Bilder". Die polnischen Künstler dagegen weben ihre Teppiche selber, und diese Teppiche sollen keine andere Art von Malerei darstellen, sie sind als Textilien konzipiert. Ihr ästhetischer Reiz liegt ausschließlich in der Technik und im Material, in den strukturellen Unebenheiten der Oberfläche, in der Art des Bindens und Knüpfens, in der unorthodoxen Verwendung verschiedener Materialien, neben Wolle auch Baumwolle, Leinenschnur, Kunstfaser und Metallfäden. Die Motive wechseln zwischen abstrakten und figurativen Kompositionen, es gibt keine folkloristischen Anklänge und keine handgewebte Symbolik, wie sie von deutschen Kunstgewerblerinnen gern praktiziert wird. g. s.