Von Katharina Elisabeth Russell

Paris, Anfang August

Die Pariser Mode kennt keinen völligen Stillstand, sie tut nur manchmal so, als ob sie der heftigen Bewegung müde ist. Veränderungen im kleinen und im großen sind auch diesesmal vorhanden, selbst wenn man sie hier und da mit der Laterne suchen muß. Die Wandlung des Gesamteindrucks mag minimal sein, ist aber wert beachtet und in großen Zügen befolgt zu werden. Denn die winterliche Mode-Story reicht nicht nur vom Kragen bis zum Rocksaum. Sie beginnt vielmehr ganz oben, mit den nicht mehr toupierten Frisuren und dadurch kleinen Köpfen, mit den schmalen, eng anliegenden Kappen, dem hohen Helm, dem länglichen, gewölbten Barett oder dem aristokratisch pelzverbrämten Kopftuch und endet erst beim Schuh mit niedrigem Absatz und bei den luxuriösen, am Knöchel anliegenden Stiefeletten. Das Ergebnis ist eine die Gestalt mehr, oder weniger nachzeichnenden Röhre (les "robes tubes"), je länger, desto lieber ist das erstrebenswerte Ziel. Dies ist der Hauptstrom, in dem die winterlichen Modetendenzen schwimmen.

Aber es existiert auch ein heute noch umstrittener, in entgegengesetzter Richtung verlaufender Nebenfluß. Sein Stichwort ist "bouffant" – : ausladend, füllig, gebauscht. Der Prototyp dieser Richtung ist Marc Bohans (Christian Dior), zu jeder Tageszeit wiederkehrender, voller, stoffreicher Bauernrock, während Castillo das "bouffant"-Motiv in technischer Vollendung zur selbstverständlichen Grundlage der ganzen Kollektion macht. Abseits von diesen beiden Tendenzen sprudelt Pierre Cardin’s Ideen-Fontäne, die ihre Hauptnahrung aus den 20er Jahren bezieht: mit tief liegender Taille manchmal unbekümmert figurlos oder mit grandioser Nachlässigkeit gegürtelt.

Es ist nur mit Vorbehalt möglich, aus diesem Potpourri konkrete Züge herauszusondern. Aber man kann getrost für den Hausgebrauch einige Details aus dem Angebot der Wintermode aufzeichnen:

  • Rocklängen sind kein Gesprächsgegenstand mehr, wenngleich sie ein wenig von einander abweichen. In den Häusern von Pierre Cardin und Jeanne Lanvin ist alles ein wenig länger geworden (ein bis drei Zentimeter unterhalb des Knies). Dagegen – frappant und riskant – erscheint bei Cardin der halbwadenlange und längere Mantel, dessen ungewohnte Proportionen ein Pelzstreifen am Saum unterstreicht. Ob er sich für den späten Nachmittag, den frühen Abend oder überhaupt durchsetzen wird, ist einstweilen nur mit einem Fragezeichen zu beantworten. Im allgemeinen gibt der Rock sich schmal, auch wenn er im Gegensatz zur Bleistift-Linie in unmerklich sich erweiternden Bahnen gearbeitet ist. Ausgenommen: Bohans in der Taille angereihte, füllige und absichtlich primitive Bauernröcke und Castillo’s hochgezüchteter Bouffant-Stil.
  • Die Taille ist so placiert, wie es der vom Couturier jeweils bevorzugten Kleidsilhouette entspricht. Sie ist hoch und höher, wo – wie bei Nina Ricci und Jean Patou – Princess- Facon- und Empire-Effekte vorherrschen. Marc Bohan setzt sie logischerweise mit einem Extra-Akzent in der normalen Gegend an. Tiefer als bei Pierre Cardin, dessen Gamin-Modelle eine arrogante Note fördern, kann sie beim besten Willen nicht mehr rutschen.
  • Schultern und Ärmel: Zum Hauptkennzeichen der Winter-Silhouette gehört neben der schmalen Schulter und der leicht gewölbten, wenig ausladenden Raglan- oder Fledermausform ein fast immer anspruchsloser Ärmel. Er ist häufig wieder lang, selbst zur Cocktailstunde und nicht selten auch am späten Abend. Einzelgänger Pierre Cardin macht ihn dreiviertellang und läßt ihn ganz unten trompetenförmig aufgehen. Eine Neuheit, die das Bild verändert.
  • Die Mantel- und Jackenkragen sind in der Mehrzahl klein und bescheiden. Doch fällt als neue Spielart der runde Halsbandkragen auf, der – wie bei Cardin – durch eine Stoffschluppe gezogen wird. Bündchen und weiche Stehkragen kommen dem allgegenwärtigen Zug nach röhrenartiger Gestrecktheit und Länge entgegen. Auch die Pelzkragen sind klein und ebenfalls rund. Aber außerdem sind oft die Jacken und Mäntel unten und an den Ärmeln pelzverbrämt, manchmal auch die Vorderkanten. Übrigens sieht man überhaupt weit mehr Pelz unten als oben herum, von den Unterhöschen aus Chinchilla und Nerz ganz zu schweigen. Richtiggehende, elegante Hosen aus feinsten Fellen waren bei Chombert zu sehen, wo es nichts gibt, was nicht aus Pelz gemacht wird.
  • Hosen sind das jüngste Lieblingskind der Mode. Bei den Vorführungen waren zu sehen: Knie-Höschen, Breeches, Culottes, Hosenröcke, glockig ausfallende Matrosenhosen und distinguierte Gentleman-Modelle aus Lamé (Chanel), lange, schwarze, enge Röhrenhosen aus Chantilly-Spitzenvolants und Kniehosen aus Pelz, die unter der Stofftunika hervorsahen.
  • Die Stoffe: Im Einklang mit der sehr körpernahen, aber trotzdem kaum kurvenbetonten Grundlinie stehen die flacheren Stoffe mit weniger Oberflächeneffekten und weit niedrigerem Flor. Man spricht von weniger Tweed", aber er ist nicht etwa verschwunden. Nur ist er lockerer gewebt und zeigt weniger Relief. Als Luxus-Textil par excellence gilt eine Mischung aus Wolle, Mohair und eingewebten Seidenbändchen in leuchtenden Tönen. Sie stammt von Bernat Klein (Schottland) und wird in Frankreich von Dumas Maury vertrieben. Ganz vorn liegen Kutscher- und andere Tuche, einfache und Doppelgabardine, Cordsamt und andere Rippenstoffe, Jersey und ein neuer, sehr eng gewebter, mattglänzender Krepp. Selten sah man so viele jung wirkende Chantilly- und Cluny-Spitzen. Chenille-Stoffe machten von sich reden, und Paillettenblusen, Pailettenblousons und sogar ganze Paillettenmäntel erweckten den Eindruck, als ob der Schutzengel der Haute-Couture glitzernd buntes Konfetti von Himmel gestreut hätte.

Den Jux der "Busenfreiheit" übergeht die "hohe Schneiderei" mit nobler Verachtung. Daß Rätselraten die wirksamste Variante des Exbitionismus sein kann, ist Jules Crahay’s Meinung, der für Jeanne Lanvin Modelle entwirft. Sein vollkommen transparentes Abendgewand aus schwarzen Organza-Wolken verhüllt und enthüllt zugleich das Mannequin im Evakostüm, und nicht alle Betrachter merken, daß ein hauchfeines Chiffontrikot in exakter Hautfarbe die Rolle des "trompe l’oeil" übernommen hat.

  • Farben: schwarz – vom Morgen bis zum Abend! Stufenleiter von beige bis grau und bronze und ocker. Rostrot, mattrosa, purpur, burgunder, pflaumenblau, bleu Castillo (leuchtendes Mittelblau), hellblaue Nuancen, weniger Marine, violett (überall) und lila. Mattes und kräftiges Grün, oliv. Viel kleine und große, mehrfarbige Karostoffe!