Von Kurt Wendt

Kommt es in den letzten fünf Monaten dieses Jahres noch zu einem kräftigen Kursaufschwung auf dem Aktienmarkt oder wird die Börse den gesunden konjunkturellen Wiederaufschwung weiterhin ignorieren? Tatsache ist, daß die bisherige Anhebung des deutschen Kursniveaus um 5 bis 6 Prozent seit Beginn des Jahres den wirtschaftlichen Realitäten nur ungenügend Rechnung trägt. Schuld daran sind einige Sonderfaktoren, die im Gegensatz zu früheren Jahren aber nicht politischer Art sind. Im Gegenteil, die große Weltpolitik mit ihrer auf Entspannung gerichteter Linie wäre eher ein Anlaß zum Optimismus als ein Grund für zurückhaltende Dispositionen.

Die deutschen Standardaktien lagen in den letzten Monaten unter Druck, weil die Verkäufe aus US-Besitz anhielten. Seit rund einem Jahr ist die deutsche Börse gezwungen, beträchtliche aus dem Ausland zurückfließende Posten neu zu placieren, was nicht ohne Auswirkungen auf die Kurse der betroffenen Papiere (BASF, Bayer, Hoechst, AEG, Siemens, RWE, VW sowie Großbanken) bleiben konnte. Indirekt wurden nach und nach auch alle anderen Aktien in Mitleidenschaft gezogen. Neuerdings glaubt man beobachten zu können, daß die Verkäufe der Amerikaner geringer werden, nicht zuletzt dank der Empfehlungen einiger Wall-Street-Experten, die von einer offensichtlichen Unterbewertung deutscher Papiere sprechen. Aber das ist noch keine einheitliche Auffassung, denn andere Broker-Firmen raten weiterhin zum Abstoßen aller Auslandspapiere, um mit dem Erlös amerikanische Aktien zu erwerben, in denen angeblich noch größere Chancen stecken. Deshalb kann die Möglichkeit neuer amerikanischer Verkäufe nicht ausgeschlossen werden.

Für den Umfang dieser möglichen Abgaben wird das Ergebnis einer Deutschland-Reise bedeutsam sein, die im September rund 100 amerikanische Wertpapieranalytiker unternehmen. Sie werden u. a. Kaufhäuser, die Betriebe der Großchemie und auch einige deutsche Erdgasunternehmen besuchen. Fällt ihr Urteil über die deutschen Gesellschaften einigermaßen positiv aus, dann kann sich die Periode kursdrückender US-Verkäufe rasch ihrem Ende nähern.

Die deutschen Banken haben ein Teil des aus den USA zurückgeflossenen Materials "in Pension" genommen und waren bestrebt, dies zu steigenden Kursen weiterzugeben. Namhafte Bankiers vertreten die Ansicht, daß der Placierungsprozeß rasche Fortschritte gemacht hat und daß man sich mit dem Verkauf des noch verbliebenen Restes Zeit lassen kann. Immerhin muß befürchtet werden, daß die deutschen Banken bis zum Jahresende eher als Verkäufer denn als Käufer auf dem Aktienmarkt erscheinen werden. Dies um so mehr, als sich heute noch nicht sagen läßt, ob die Bundesbank im Herbst nicht ihre Restriktionen verschärfen und damit die Banken zwingen wird, die Liquiditätspolster (und dazu gehören auch die Wertpapierbestände) zu verringern.

Voraussetzungen für eine stürmische Aktienhausse scheinen deshalb schwerlich vorhanden zu sein. Andererseits kann die Börse auf die Dauer nicht an der Tatsache vorübergehen, daß sich bei einer langen Reihe führender Unternehmen höhere Gewinne abzeichnen. Ob diese sich überall sofort in steigende Dividenden niederschlagen werden, ist für die Aktienanlage erst in zweiter Linie entscheidend. Ausschlaggebend für die Kursgestaltung sollte immer der gesamte von einem Unternehmen erzielte Überschuß sein – und nicht nur jener Teil, der an die Aktionäre verteilt wird. Aus den vorliegenden Zwischenberichten wissen wir, daß die Abschlüsse für 1964 ihrer "Qualität" nach besser sein werden als die in ihrer Mehrzahl schon recht guten 1963er Bilanzen.

Am sichtbarsten wird sich das bei den Eisen- und Stahlgesellschaften zeigen, deren bessere Beschäftigung die in den Vorjahren erlittenen Rückschläge ausgleichen wird. Vielleicht treibt die Börse ihren Optimismus in dieser Richtung zu weit und es war gut, daß der Klöckner-Aktionärsbrief den Montan-Optimismus etwas gedämpft hat. Wenn bei Klöckner für das am 30. Juni abgelaufene Geschäftsjahr wahrscheinlich noch keine erhöhte Dividende gezahlt werden wird, so ist dies nicht typisch. In das Klöckner-Berichtsjahr entfallen praktisch nur vier Monate guter Stahlkonjunktur. Bei den zu einem späteren Zeitpunkt bilanzierenden Unternehmen wird die "Erntezeit" länger sein. Daher sind die Hoffnungen auf höhere Dividenden in diesem Industriezweig insgesamt keineswegs abwegig. Da man außerdem Kapitalerhöhungen für möglich hält, ist das Börseninteresse für Eisen- und Stahlaktien begreiflicherweise groß, wobei auf die vergleichsweise immer noch hohen Renditen dieser Papiere hingewiesen w