Die Geschichte dreier Frauen, die Geschichte der kommunistischen Revolution, die Geschichte ermordeter Ideale, die Geschichte einer bis heute nicht zerstörten Hoffnung – das ist der Roman

Jadwiga, das Mädchen aus Polen, wird vor dem Ersten Weltkrieg aus Gerechtigkeitsgefühl Kommunistin, verzichtet auf die Privilegien der Begüterten, studiert in Zürich, heiratet einen Freund Lenins, bekommt eine Tochter, macht das Ingenieursexamen, läßt ihr kleines Mädchen bei den Großeltern in Warschau und stürmt mit dem glasklaren, sachlichen, pädagogischen Idealismus ihrer Generation nach Rußland, in die Revolution. Sie bedeutet ihr und ihren Freunden: Aufbau, Organisation, Schulung, Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Sie heiratet ein zweites Mal, einen tatkräftigen Kommissar, der nach dem Krieg Botschafter wird, trennt sich dann von ihm, weil sie leere Repräsentation haßt, und baut ein Industriewerk am Ural auf. Auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn wird sie verhaftet: Die Jagd auf die Konterrevolutionäre beginnt. Sie wird erschossen, auch ihr Mann kommt um, und Nina, ihre Tochter, die jung verheiratet und Journalistin ist, kommt nach einer entsetzlichen Reise quer über den Kontinent in ein Zwangsarbeitslager in Ostsibirien. Sie erleidet Angst und Hunger und Krankheit und Erniedrigung, aber sie bleibt am Leben, liebt einen politischen Gefangenen und bekommt eine Tochter von ihm. Nach Jahren wird sie rehabilitiert und sofort nach Polen abgeschoben. Das Kind, das ihr nachgeschickt werden sollte, bleibt jedoch und wird ein "Lagerkind", ein "Gefangenenbastard". Nina zieht zu ihrem Mann nach Berlin und löst sich ganz vom Kommunismus. Sie hört erst wieder von ihrer Tochter Victoria, als diese gerade geheiratet und mit ihrem Mann, einem Gefährten aus dem Kinderheim, endlich zu leben begonnen hat. Victorias Vater ist bei einer Revolte mit dem ganzen Gefangenenlager zusammengeschossen worden, und sie entscheidet sich für ihre eigene Lebensform, will nicht zu Nina, sondern in Sibirien bleiben. Sie ist zufrieden mit dem Ausblick auf eine bescheidene kleinbürgerliche Ehe, zufrieden mit dem, was für sie schon Aufstieg und Glück bedeutet.

Das ist die Geschichte. Sie beginnt wie ein Salonroman, fährt fort wie ein mäßig begabtes Gedankendrama, in dem die Helden hölzerne Phrasen zur Erklärung ihrer Person und Absicht tauschen, öffnet sich plötzlich dem Höllenfeuer der eigenen Erinnerung und wird ein Monument der uns schon wieder unausdenklichen Schrecken, die in unserem Jahrhundert überall auf der Welt Menschen einander bereiten.

Die Autorin bleibt im leidenschaftslos distanzierten Stil der Reportage. Sie versagt sich Pathos und Anklage im Wort, weil sie nichts abschwächen will von dem, was sie sah und empfand und dachte. Und gerade diese Selbstbeherrschung erreicht, daß ein ganz persönliches Schicksal, ein einziges gequältes Ich zum Repräsentanten für seine Zeit wird. Man versteht die Entwicklung des Kommunismus, wenn man die Geschichte dieser drei Frauen kennt, weil man ihre Entscheidungen versteht. Und man begreift ihre Hoffnung: das Vertrauen auf die Fähigkeit des Menschen, in jeder Hinsicht zu überleben und sich durch keine Erfahrung um Vernunft, Distanz zum eigenen Geschick, Gerechtigkeit und Freude bringen zu lassen.

Die Autorin kann ihre Vergangenheit als Beweis dafür bringen, daß sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie Verzweiflung und Hoffnung darstellt, und es scheint, als ob nur Menschen mit diesem Maß der Erfahrung ungestraft von Zuversicht sprechen dürfen.

Sybil Gräfin Schönfeldt