Berlin

Schmeichelei ist Aggression auf Knien" und "Satire soll töten, aber nicht verletzen". Solde Wandsprüche begrüßen den Besucher in der Friedrichstraße 101, wo die "Distel" seit 1953 Untermieter des "Verbandes deutscher Journalisten" ist. Auch "Liegen haben kurze Beine" oder "Fette leben kürzer, aber essen länger" heißt es da. Das 25. Programm seit Bestehen dieses Kabaretts trug den Titel "Zwischen Hamlet und Tokio". Hamlet mit blauem Totenkopf links, ein Athlet mit feuerrotem Fußball rechts auf der Bühnenwand.

"Zur Teilnahme an den Olympischen Spielen brauchen wir Training, Training und nochmals Geld", sagt der Schiedsrichter. Die Passierscheine – ein Wintermärchen. Valja und Juri im All – ein Sommernachtstraum, der Sieg des Sozialismus – eine widerspenstige Zähmung. Jemand, der eine Pointe auf die bekannte fehlende Kaffeesahne herstellt, wird wegen Kalauers auf die Strafbank verwiesen, auf diese kommt dagegen nicht der Ausspruch "Der brave Soldat steht an der Oder".

Ausgesprochen gelockert gibt sich die staatlich beäugte Satire diesesmal, sie geht an langer Leine, alle Reste von Agitproptheater sind abgelegt. Die Spieler – eine Ostpreußin, eine Sächsin, ein Rheinländer, ein Pommeraner, ein Wiener, ein Berliner – "schöpfen die Lachkraft der zwerchtätigen Bevölkerung ab". Ein Mann namens Zingelmann wird vom Berufsberater auf den Bau geschickt, obwohl er nicht schwindelfrei ist, und zwar als Zimmermann. Warum? "Weil Ihr Name mit Z anfängt." Der Pianist fragt, ob er Wagner ins Programm aufnehmen kann, der doch in Venedig gestorben, also gewissermaßen abgehauen sei...

Programm-Nummer 7 pflaumt die patriotischen Südtiroler an. Das Volkslied von den lustigen Tirolern wird so abgewandelt: "Wir schicken die Menschen auf die ewige Reis’ und die Strommasterin hinterdrein, denn so dunkel wie in unsern Köpferln soll es überall sein."

In der soziologischen Landschaft der "Distel"-Texte, deren beste seit Jahren Hans Rascher schreibt, gibt es dieses Mal eine Oma Meierschmidt. Sie sondert sich ab, ein Frevel im sozialistischen Staat. Sie fegt den Dreck vor ihrem Haus fort, bloß, weil sie ihn nicht mag, sie jubelt nicht und gibt keine Bekenntnisse ab; ebensowenig wie Vater Meierschmidt, der nörgelt, wo es nötig, das heißt, wo Qualität ein westliches Fremdwort ist; der zwar nicht dialektisch denkt – aber Schiet bleibt für ihn Schiet. Auch Sohn Meierschmidt provoziert, wo er kann; "denkt mal", scherzt Elle Tiedtke, "er erzählt Witze laut, anstatt von Ohr zu Ohr, hält es aber sehr aktiv mit der FDJ". Kurz, die ganze Familie redet nie vom Sozialismus, tut aber dafür eine Masse für ihn. Solche Weisheit ist dem Publikum aus dem Herzen pointiert, dafür gibt es lauten Applaus.

Der höchste Punkt des Juxes im vollbesetzten Saal ist Emma. Ihr Konstrukteur, eine Journalistin und zwei Betriebsangehörige stehen um sie herum und füttern sie mit Daten. Emma ist ein kubisches Monstrum mit Lampen und Drähten, ein Elektronengehirn. Goethes Biographie wird in den Schlitz geworfen, sofort fällt vorn die Kurzdefinition heraus: "je oller, je doller." Mit dem Fachbuch für Bauarbeiter gefüttert, kommt eine Bierflasche ans Licht; der Betriebskollektiv-Vertrag fördert die Auskunft "Grimms Märchen" zutage; Bibel und kommunistisches Manifest zusammen ergeben den "geteilten Himmel". "Jetzt macht sie schon Witze", bemerkt darauf der Konstrukteur, und Emma steckt die Zunge heraus ...