Als der französische Verteidigungsminister Messmer während einer Pressekonferenz nach dem NATO-Manöver auf dem Truppenübungsplatz Obernhofen im Elsaß gefragt wurde, ob die französische Regierung vor einem Einsatz atomarer Waffen ihre Verbündeten konsultieren würde, schwieg er. Er schwieg ganz einfach, und wenig berechtigt zu der Annahme, daß in diesem Fall die allgemeine Faustregel der Juristen gilt, bei denen es heißt, qui tacet consentire videtur – wer schweigt, stimmt zu.

Warum Messmer diese Frage gestellt wurde? Wenige Tage vor jener Pressekonferenz war ein Artikel des Chefs des Generalstabs, General Ailleret, erschienen, in dem dieser forderte, daß bei einem sowjetischen Angriff auf Europa in jedem Falle Atomwaffen eingesetzt werden müßten. Messmer hatte in Obernhofen diese Feststellung des Generals, der in Frankreich der "Atom-General" genannt wird, als gültige Regierungspolitik bestätigt.

Aus Washington wurde daraufhin sofort versichert, massive Vergeltung entspreche nicht mehr den heutigen Gegebenheiten. Die amerikanische Regierung halte an der abgestuften Verteidigung fest und an dem Bestreben, die atomare Schwelle anzuheben, also die konventionellen Kräfte so stark wie möglich zu machen, um sich atomarer Waffen nur als ultima ratio zu bedienen. Frankreich hat sich offenbar entschlossen, den umgekehrten Weg zu gehen. Es baut eine eigene kostspielige force de frappe auf und reduziert gleichzeitig seine konventionellen Truppen, um den Wehretat zu entlasten.

Vollständig unerfindlich ist, wie man mit zwei derart verschiedenen strategischen Konzeptionen ein gemeinsames militärisches Bündnis – die NATO – aufrechterhalten will. Die einzige Erklärung scheint zu sein, daß die Franzosen dies auch gar nicht wollen: Messmer sagte, Frankreich sei sich seiner integrierten Rolle innerhalb der NATO bewußt, doch müßten die gegenwärtigen Formen dieser Zusammenarbeit ja nicht unbedingt bindend für die Zukunft sein. Spätestens 1970 werde Frankreich auch über taktische Atomwaffen unter nationalem Kommando verfügen.

Der NATO-Vertrag läuft bis 1969. Wer dann ausscheiden will, muß ein Jahr zuvor der Regierung der Vereinigten Staaten die Kündigung mitteilen, die dann die Regierungen der anderen Mitgliedstaaten unterrichtet. Es könnte also sein, daß sich im Jahre 1968 das Ende der NATO ankündigt.

Wie in aller Welt soll man sich eigentlich politische Verhandlungen mit dem Osten ohne den militärischen Schutz der NATO vorstellen? Welche Torheit und welche Verantwortungslosigkeit zugleich, Europa dieses Schutzes zu berauben. Ob eigentlich die deutschen Gaullisten wissen, daß in dem von de Gaulle herbeigesehnten Jahr 1966, (dem Jahr, in dem ausreichend Mirages IV zur Verfügung stehen,) die Explosivkraft der französischen force de frappe sich zu der Atommacht der Vereinigten Staaten etwa wie 3 zu 3000 verhält? Dff