Es war ein makabre Szene: in Stanleyville, vor dem Denkmal Patrice Lumumbas, des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten, stand Moise Tschombe. Die Menschen, die eben gerufen hatten: "Unser Vater ist gekommen, nun werden wir nicht länger hungern!" verharrten plötzlich in dumpfem Schweigen. Tschombe starrte auf die Statue, dann bückte er sich und richtete die Schleifen des Kranzes, den er zuvor dem Toten zu Ehren niedergelegt hatte. Das Denkmal trägt die Inschrift: "Der Held der kongolesischen Freiheit und Einheit. Ermordet in Katanga am 18. Januar 1961."

Damals herrschte Moise Tschombe in Katanga, der südlichen Kongo-Provinz, und die Stimmen wollen nicht verstummen, die ihm die Schuld an der heimtückischen Ermordung seines damaligen Widersachers Lumumba geben. Jetzt, wenige Tage nur nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten, ehrte er das Andenken des Opfers. Und jene, die einst Lumumba zugejubelt hatten, riefen: "Vive Tschombe!"

Das Ungewöhnliche, das Gespenstische ist den Kennern des nun schon vier Jahre andauernden Spektakulums am Kongo nicht fremd. So nahm es denn auch nicht wunder, daß ein Mann wie Tschombe – ehemals verschrien als "Mordbube", angeklagt als Separatist, verspottet als "Strohmann" der amerikanischen und belgischen Kapitalisten – über Nacht zum "Retter des Kongo" proklamiert wurde. Wie es auch nicht erstaunt, daß der ehemalige Rebell von Katanga nun selber alle Hände voll zu tun hat, mit den neuen Rebellen fertig zu werden: mit den angeblich von den Rotchinesen angefeuerten Separatisten Pierre Mulele und Gaston Saumialot, die bereits große Teile des Kongo erobert haben und im ganzen Land Furcht und Schrecken verbreiten.

Wie vor ihm schon Lumumba und Adoula, so muß auch Tschombe, der dritte Ministerpräsident, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf reisen, Reden halten, Hände schütteln, um sich seines Prestiges, seiner Anhänger zu versichern. Wie seine gescheiterten Vorgänger muß nun auch er spüren, wie gering seine Macht ist, wie sehr die Einheit des Kongo durch die selbstgewählten "Präsidenten" und "Könige" in den Provinzen gefährdet wird. Er, der sich noch vor knapp zwei Jahren gegen die Zentralregierung in Leopoldville auflehnte, muß jetzt erfahren, wie wenig er mit den Soldaten der Nationalarmee auszurichten vermag, die vor den mit Pfeil und Bogen ausgerüsteten Buschkriegern schleunigst das Weite suchen.

Tschombe vor allem war es, der durch sein egoistisches Machtstreben als abtrünniger Präsident in Katanga das Unheil über den Kongo brachte, das er als Premierminister nun kaum noch abzuwenden vermag. Er ist der Verwalter eines Konkurses, den er selber verschuldete, ihm wurde jene Erbschaft übertragen, die er hinterließ, als er vor einem Jahr von den UN-Truppen in sein spanisches Exil flüchtete. Damals nannte ihn U Thant voller Zorn einen "Clown".

Heute strahlt Tschombe, wann immer er sich in der Öffentlichkeit zeigt, eitel Zuversicht und Selbstvertrauen aus. Das breite Lachen ist noch nicht aus seinem pausbäckigen Gesicht geschwunden. Auch ist er der "große Sprüchemacher" geblieben: Im Kongo, so verkündet er allzu selbstsicher, gäbe es gar keine Rebellion – große Teile des Landes aber, melden Augenzeugen, befinden sich bereits in den Händen der Aufständischen. Kamina, eine der wichtigsten Militärbasen, wo Anlagen im Werte von Milliarden stehen und lediglich 60 kongolesische Soldaten stationiert sind, droht eine leichte Beute der Rebellen zu werden.

"Gebt mir drei Monate Zeit, und ich präsentiere euch einen neuen Kongo", versprach Tschombe – doch seit er in Leopoldville residiert, vergeht kein Tag, der seinen hochfliegenden Optimismus nicht Lügen straft. "In 15 Tagen habe ich die Rebellion niedergeschlagen", posaunte er hinaus – im Süden, Norden, Osten und Westen der Kongo-Republik rücken indessen seine Feinde vor, mordend und brandschatzend. Selbst die Verbrüderung mit seinen ehemaligen Gegnern aus den Reihen der politischen Linken hat Tschombe kaum etwas eingetragen, soviel er sich auch von diesem Schachzug versprochen haben mag.