NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Sonntag, den 2. August, das Hörspiel:

Blaise Cendrars, der alte Surrealist ("Moloch") und Globetrotter ("Wind der Welt"), schrieb "Sarajewo" wenige Jahre vor seinem Tode (1961 in Paris). Ein eigentliches Hörspiel wurde es nicht, eher eine Art höherer comic strip: ein akustischer Bilderbogen. Eine Unzahl von Personen sprechen ihre Sätze: von der schwachsinnigen Sadilo (Friedl Münzer) bis zum zynischen Erzherzog Otto (Hanns Ernst Jaeger). Das gab ein ebenso prächtiges wie oberflächliches Arrangement. Daher war die – vorzügliche – Einführung des Übersetzers Jürgen Schröder durchaus am Platze. Womit freilich nicht Cendrars Gemeinplätze ausgeräumt waren: So wird etwa die Bedeutung des Sarajewo-Attentats ("alles nahm von da seinen Ausgang") akustisch mit der Entwicklung des Pistolenschusses über Gewehr- und Flakfeuer zur Atombombenexplosion illustriert.

Gelegentlich wird auch heftig gegrübelt; dann schlägt sich in Sarajewo "die Jugend der Welt" gegen dekadentes Kaisertum ... Hier hätte man sich von der – lobenswert flüssigen – Regie (Ludwig Cramer) größere Differenzierung gewünscht. Bei einem Bilderbogen zählen weniger explizite Philosophismen als akustische Atmosphäre und reiche Details. In den überaus lebhaften Impressionen liegt die Stärke Cendrars. Wie dünn aber lärmte es im Radio auf den Straßen Sarajewos, wie einsam hallten die Hochrufe auf das Erzherzogspaar! Nicht im stillen Kämmerlein, auch nicht im schalldichten Studio: auf der Straße tummelte sich Cendrars, die Welt zu fassen. D. K.