Die Abiturienten in der Bundeswehr – Erfahrungen eines Leutnants

Von Sten Mathiessen

Der Rekrut kommt vom Abitur zur Bundeswehr als Freiwilliger. Oder er kommt als Wehrpflichtiger, indem er keine der Möglichkeiten ausnützte, nicht zu kommen. Was erwartet der Abiturient vom Militär?

Fragt ein Gleichgestellter den jungen Mann, so spricht er von Zwangsläufigkeit, von der Reserveoffizierslaufbahn, von den fünftausend Mark Abfindung oder von sportlichen Interessen. Fragt ihn ein Vorgesetzter, so kommen die Pflicht, die Demokratie, die Verantwortung oder das Vaterland zur Sprache – womit der Abiturient bereits beachtliches Einfühlungsvermögen beweist. Der wirkliche Grund seiner einigermaßen selbständigen Entscheidung für die Bundeswehr ist aber, meine ich, keine so abstrakte Sache wie der Gedanke an die Pflicht – dies nur in wenigen Fällen. Oft ist es eine Art Neugier auf eine andere, fremde Lebensform, die mit dem Verlangen nach "sportlichen Dingen und so" nur ungenau umschrieben wird. Aber nur ganz selten ist Vorliebe für die Uniform oder gar für die Welt von Befehl und Gehorsam im Spiel. Diese Vorliebe – wie auch der Pflicht- und Wehrgedanke – nehmen erst später Gestalt an.

Der alte Stiefel

Der Rekrut, der außer dem Reifezeugnis ein gewisses Maß an Neugier und Wirklichkeitssinn mitbringt, empfindet zunächst manchen Vorgang in der Bundeswehr als ebenso sinnlos wie feindselig. Wenn ihn der Ausbilder auf dem Formalausbildungsplatz anbrüllt, hat er deutlich das Gefühl, daß sich hier zwei hilflose Menschen gegenüberstehen: der eine, der sich nicht ausdrücken darf, und der andere, der es nicht kann. Auch die unbegreiflichen Idiotien mancher Marschliedtexte (in einem ist von "brausenden Panzern", "frohem Sinn" und "ehernen Gräbern" die Rede) schaffen Erbitterung. Und erst jene Banalitäten des Dienstes, die mit unnachsichtiger Strenge durchgesetzt werden, obwohl sie keine Erfordernisse des Gefechtes, der Materialpflege oder der sinnvollen Disziplin darstellen. Gerade sie sind oft die "Dollpunkte" der schwächeren Köpfe unter den Befehlenden, die voll Überzeugung einen sinnlosen Gehorsam durchsetzen wollen.

Und hier taucht eine entscheidende Frage auf. Wenn die Rekruten, speziell die Abiturienten, dies so deutlich empfinden, sollten sie sich dann nicht alle eines Tages als gute Ausbilder erweisen, als Männer, die allem Sinnlosen abhold sind? Für viele trifft das zu, jedoch keineswegs für alle. Nicht nur die Unteroffiziere, sondern – vielleicht sogar besonders – die Abiturienten und zukünftigen Offiziere erliegen oft seltsamen Einflüssen.