Bevor die Lichter ausgingen nannte Friedrich A. Krummacher, das berühmte Diktum Sir Edward Greys variierend, eine Sendung, die der Welt von gestern, Europa an der Schwelle des ersten großen Krieges, galt. Dabei zog man vor allem schwedische Filme zu Rate; Stockholm erschien als Inbegriff der guten alten Zeit; die Skandinavisten, der Auswanderungswellen und beispiellosen Armut im vorsozialistischen Schweden gedenkend, wollten ihren Augen nicht trauen. Nun, die Archivaufnahmen zeigten rauchende Dampfer am finnischen Kai, am Slussen ging es friedlich zu, der König krönte, bei Gelegenheit der Olympischen Spiele, die Kugelstoßer samt dem Wachpersonal mit einem hellenischen Kranz.

Später traten dann auch die anderen Metropolen ins Bild: Moskau, von Kosakengesängen umkränzt, Berlin, ein Männerchor sang "... treu ergeben sein", die Lichterstadt Paris nicht zu vergessen, Poincaré und Moulin Rouge, dazu, um dem Betrachter auch in der Musik französisch zu kommen, das schrille Lied der Marseillaise.

So also, skandinavisch und zentraleuropäisch: einfallslos auf jeden Fall fuhr man fort; Willy und Nicki kasperlten freundlich herum, Eduard rauchte an Deck, der Zwergenkönig aus Italien, damals noch jugendlich-feurig, durfte im Familienalbum so wenig fehlen wie jener allergnädigste Kaiser, der, vom Mainzer Fernsehen als der Zweite seines Namens apostrophiert, in den Geschichtsbüchern im allgemeinen als Franz Joseph I. erscheint. Genauigkeit war offenbar wenig gefragt; der Sprecher intonierte Geographica mit unfehlbarer Sicherheit falsch; und wäre nicht Tolstoj in Jasnaja Poljana gewesen, hätte sich nicht ein Mann in den Staub vor der Kirche geworfen, um auf seine Weise eine christliche Dame von Rang zu begrüßen ... man hätte abgestellt, um sich bei Stefan Zweig und den Expressionisten, bei Lenin und im Brochschen Hofmannsthal-Essay ein wenig exakter informieren zu lassen.

"Niemand glaubte an den Ausbruch eines allgemeinen Kriegs", sagte, unbekümmert um alle historische Forschung, der sympathische Sprecher und beschwor eine Zeit der Sekurität, des Friedens, der gelassenen Kalkulation, die, allen Schatten zum Trotz, von keiner Höllenangst und keinem Gefühl der allgemeinen Bedrohung, keinem "das endet nicht gut" und keiner Ahnung bestimmt zu sein schien, wie nah der letzte Tag schon sei.

Wo, fragen wir, blieb in dieser Sendung die fröhliche Apokalypse, wo das Zeichen von morgen, wo der Richterspruch der Expressionisten, die Antizipation des Kommenden in der Literatur, wo ein Hinweis auf die große Wende der Kunst, in der sich das unterschwellige Gefühl vom nahenden Unheil so deutlich manifestierte? Die Sorge nach dem Rausch der ersten Gründerzeit; die Beirrbarkeit jenseits der Sekurität; die Ahnung einer riesigen Veränderung: das zweite Gesicht blieb verdeckt.

Was nützte es schon, daß man am Schluß der Sendung ein Zeitzünderticken vernahm? Der Tanz auf dem Vulkan, das Wechselspiel von Reputierlichkeit und Angst, von immer feste druff und höllischen Arkanen kam nicht heraus.

Man hätte mehr Bebel lesen sollen, mehr Trakl und Heym. Eine herrliche Sendung ließe sich denken: bevor die Lichter ausgingen...

Momos