Ernst Reibstein: Völkerrecht. Eine Geschichte seiner Ideen in Lehre und Praxis. Verlag Karl Alber, Freiburg/München. Bd. I: Von der Antike bis zur Aufklärung, 1957; 640 Seiten, 49,50 DM; Bd. II: Die letzten zweihundert Jahre, 1963; X, 784 S., 68,– DM.

Die verdienstvolle Reihe "Orbis Academicus", eine Sammlung von "Problemgeschichten der Wissenschaft in Dokumenten und Darstellungen", hat mit einer zweibändigen Arbeit von Ernst Reibstein eine "Problemgeschichte des Völkerrechts" vorgelegt. Wie der Untertitel des Werkes andeutet, gibt Reibstein weder eine Dogmengeschichte, das heißt eine Geschichte der Völkerrechtslehren, noch eine Geschichte der internationalen Staatenpraxis – er unternimmt vielmehr den Versuch, beide Bereiche in ihrer gegenseitigen Durchdringung darzustellen.

Nun sind Lehre und Praxis des Völkerrechts vom Ausgang der Antike bis zur Jetztzeit wahrlich ein weites Feld, ohne eigene Theorie vom Wesen des Völkerrechts müßte es mißlingen, einen so immensen Stoff in den Griff zu bekommen.

Reibstein bekennt sich selbst zu der Tradition europäischen völkerrechtlichen Denkens, das seine Wurzeln in der stoisch-aristotelischen Naturrechtslehre und deren Weiterbildung durch die Kirchenväter bis hin zu Thomas von Aquin hat. Völkerrecht ist für Reibstein nicht bloß der "Inbegriff der Formen, Regeln und Methoden", die für die zwischenstaatlichen Beziehungen maßgebend sind. Das Völkerrecht ist mehr: es ist eine "moralische Notwendigkeit, die von der menschlichen Vernunft ohne weiteres erfaßt wird, also wirkliches, verbindliches Recht". Das Völkerrecht basiert wie alles Recht letztlich auf Moralphilosophie: ... das Recht erhält nun einmal seinen Wissenschaftscharakter aus der Moralphilosophie". Diese Lehre vom Völkerrecht als überpositivem, von der menschlichen Vernunft einsehbaren Recht durchzieht wie ein roter Faden Reibsteins historische Darstellungen.

Reibsteins Analysen zeigen deutlich eine ständige Spannung zwischen der Idee des Völkerrechts als einer natürlichen Normordnung und der politischen Realität: War nach der auf die Stoa zurückgehenden Vorstellung das "Recht der Völker" eine Rechtsordnung, die den Menschen mit dem Menschen verband, welchem Staat der einzelne auch angehören mochte, so bildeten sich seit dem vierten Jahrhundert auf dem Gebiet des Römischen Reiches selbständige Staatsgebilde mit unterschiedlichen Interessen heraus – ein politischer Zustand, der juristisch bewältigt werden mußte. Ähnliches gilt für den allmählichen Zusammenbruch der Vorstellung von einer christlichen Universalmonarchie: juristisch bewältigt werden, mußte die Herausbildung einer europäischen Staatenordnung, die mit der Auflösung des mittelalterlichen Weltbildes Hand in Hand ging.

Zwar war es Völkerrechtslehrern wie Vasquez, Suarez und Vattel, von Reibstein besonders geschätzt und vorzüglich dargestellt, gelungen, die Wesensgehalte des traditionellen naturrechtlichen Völkerrechts den veränderten Bedingungen der neuzeitlichen Staatenwelt anzupassen. Mit John Seiden regte sich jedoch die Gegenbewegung. Dem naturrechtlichen Völkerrecht wurde das "durch den Machtanspruch des Staates in der Praxis gesetzte Recht" entgegengestellt. Die Krise des traditionellen Völkerrechts und das Aufkommen des Positivismus begann sich abzuzeichnen; das Völkerrecht als universale, überpositive Normordnung mußte um so mehr verdampfen, je stärker sich die christliche Staatengemeinschaft in ein Nebeneinander antagonistischer Staaten dissoziierte.

Diese Entwicklung zum utilitaristischen und positivistischen Völkerrechtsdenken eines Bentham und Austin hält Reibstein für eine "epikuräische Umbiegung und Verflachung" naturrechtlichen Denkens. Hier muß man sich fragen, ob Reibsteins Glaube an die unmittelbare Einsichtigkeit naturrechtlicher Völkerrechtsnormen ihn nicht daran hindert, die Gewichte gerecht zu verteilen. Sicher hat Bentham des Bestehen von natürlichen Gesetzen bestritten. Er forderte jedoch auf der anderen Seite, was man bei Reibstein nachlesen kann, die Abschaffung des Krieges, Abrüstung, einen Internationalen Gerichtshof sowie Kodifizierung des bestehenden Völkerrechts zum Zwecke der Friedenssicherung: Verdienste um das Völkerrecht, die, wie mir scheint, nicht gering sind.