Ausgerechnet ein Brief des Bergbaus hat dazu beigetragen, in der Bundesrepublik wieder eine Diskussion über den Bau von Atomkraftwerken in Gang zu bringen. Eine möglichst lautstarke, in aller Öffentlichkeit geführte Auseinandersetzung über diese Frage kann nur von Nutzen sein – denn unser Rückstand in der Atomwirtschaft ist besorgniserregend. Wirtschaftlich weit schwächere Länder wie Italien oder Indien haben uns beim Bau von Atomkraftwerken bereits überrundet.

Doch zurück zu dem Brief des Bergbaus. Er verdient festgehalten zu werden, weil er einen Sinneswandel bei dem bisher entschiedensten Gegner von Atomkraftwerken ankündigt. Der Unternehmensverband Ruhrbergbau hat bei den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW) angefragt, ob das Unternehmen bereit sei, Strom aus Atomkraftwerken des Bergbaus zu beziehen. Schon vorher hatte die Ruhr versucht; sich finanziell an einem Kernkraftwerk zu beteiligen, daß von VEW, der AEG und einem Bankenkonsortium in Lingen an der Ems errichtet wird. VEW hatte abgewinkt: "Wir wollen nicht den schärfsten Konkurrenten des Atomstroms ins Geschäft nehmen, das könnte die technische Entwicklung behindern."

Dieses Mißtrauen gegen die Kohle ist durchaus verständlich. Der Bergbau war in den letzten Jahren nicht nur gegen das Heizöl mit teilweise recht einseitigen Darstellungen und schiefen Argumenten ins Feld gezogen, er hatte vorsorglich auch gleich gegen den Ausbau der Atomwirtschaft gewettert. Die Behauptung, der Bergbau habe über seine Lobby in Bonn den Bau von Atomkraftwerken verhindern oder zumindest verzögern wollen, ist zwar bis heute unbewiesen geblieben. Tatsache aber ist, daß die Ruhr ebenso wie der Studienausschuß in Gutachten gegen eine "übertriebene Förderung" der Atomwirtschaft Stellung genommen haben. Begründung: Die Erzeugung von Atomstrom werde noch auf mindestens zehn Jahre hinaus wirtschaftlich nicht sinnvoll sein. Und heute erwägt der Bergbau, nun selbst Atomkraftwerke zu bauen.

Der Sinneswandel an der Ruhr macht deutlich, daß die technische Entwicklung auf die Dauer immer stärker ist als noch so hartnäckig verteidigte Interessen bestimmter Gruppen. Die Opposition gegen den Atomstrom, die freilich keineswegs nur vom Bergbau ausging, läßt sich heute einfach nicht mehr aufrechterhalten. 73 Kernkraftwerke befinden sich in der Welt bereits im Bau oder in Betrieb. Und es scheint nur noch eine Frage weniger Jahre, bis Strom aus Kernenergie wirtschaftlich rentabel erzeugt werden kann: Euratom in Brüssel erwartet, daß Atomstrom im Jahre 1970 bereits billiger als Kohlestrom sein wird. "In 10 oder spätestens 15 Jahren", so verkündete jüngst Professor Jaruschek beim Deutschen Atomforum in Bonn, "werden Kernkraftwerke die Hauptlast der Energieerzeugung zu tragen haben."

Die künftige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes wird also in hohem Maß davon abhängen, daß wir möglichst schnell eine technisch hochentwickelte Atomindustrie aufbauen. In den Jahren nach 1970 wird unsere Industrie gezwungen sein, den billigen Atomstrom zu beziehen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben soll. Und sie wird in der Lage sein müssen, von ihr gebaute Atomreaktoren als Exportartikel anzubieten. Wissenschaftsminister Hans Lenz erklärte dann auch folgerichtig: "Die Steuergelder, die zur Förderung der Atomwirtschaft aufgebracht werden, sind keine Subventionen, sondern dienen der Sicherung der künftigen Existenz unseres Volkes."

Das erste Atomprogramm, das von der Bundesregierung 1957 verkündet wurde, sollte Deutschland den Anschluß an den internationalen Leistungsstandard bringen. Dieses Ziel wurde, wie man in Bonn wohlwollend formulierte, "nicht völlig erreicht". Klar gesagt: die Bundesrepublik liegt immer noch um Jahre gegenüber anderen großen Industriestaaten zurück.

Inzwischen versucht man durch das zweite Atomprogramm, das im September letzten Jahres verkündet wurde, nun wiederum in einem Zeitraum von fünf Jahren Anschluß zu finden. Die Aufwendungen sind immer noch bescheiden: 2,4 bis 2,7 Milliarden Mark im Zeitraum von fünf Jahren – weniger als wir in einem einzigen Jahr für die Subventionierung der Landwirtschaft ausgeben. Ein Vergleich der Aufwendungen für den Bau von Leistungsreaktoren im Jahr 1963: Großbritannien hat dafür 1,7 Milliarden Mark ausgegeben, die USA 800 Millionen Mark, Frankreich 1 Milliarde Mark – die Bundesrepublik 100 Millionen Mark. Bei einem Haushalt von 57 Milliarden Mark, in dem über 20 Milliarden Mark Subventionen enthalten sind, nur 100 Millionen Mark für die "Sicherung der künftigen Existenz unseres Volkes"?

Diether Stolze