Von Golo Mann

Es ist in der europäischen Kriegsgeschichte schon früher vorgekommen, daß ein großer Krieg einen vorhergehenden zugleich wiederholte, fortsetzte und durchaus neue Charakterzüge entwickelte. So, zum Beispiel, verhalten sich der Spanische Erbfolgekrieg zum "Krieg der Liga von Augsburg", der amerikanische Unabhängigkeitskrieg zum Siebenjährigen, die Kriege Napoleons zu den Revolutionskriegen. Das Verhältnis, in dem der Zweite deutsche Weltkrieg zum Ersten steht, wäre also an sich nicht einzigartig. Einzigartig ist er für uns, weil wir es erlebt haben – was etwas ganz anderes ist, als wenn man es in Büchern liest – und durch die beispiellose Explosivkraft seiner Faktoren.

Daß der Erste Weltkrieg eine Fortsetzung haben würde, hat Marschall Foch schon 1919 prophezeit, als er meinte, der Friede von Versailles sei kein Friede, sondern ein Waffenstillstand, der zwanzig Jahre dauern würde. Es ist erstaunlich, wie, auf das Jahr genau, die Menschen manchmal voraussehen oder raten.

Die Wiederholung ist überall, bis ins Persönliche. Churchill und Roosevelt waren im Ersten Weltkrieg schon tätig, nur eine bis zwei Stufen tiefer. Roosevelt wiederholte 1942 nicht bloß sich selber; er wiederholte auch Woodrow Wilson, dessen bewundernder Freund und Schüler er war. Er wollte es besser machen als Wilson, realistischer, belehrt durch mannigfache Erfahrungen, aber die Grundkonzeption blieb die gleiche: Kampf für Demokratie und nationale Selbstbestimmung, gegen Autokratie und Barbarei, Völkerbund und nie wieder Krieg am Ende. Wobei das Unheimliche ist, daß, was 1917 nur zu einem geringen Teil zutraf, was damals den Kern der Sache nicht traf, ihn 1942 völlig traf oder noch nicht einmal erreichte. 1917 hatte man "Wolf!" gerufen, aber der Kaiser war keiner. Nun war der Wolf da, und noch grausamer als man wußte.

Der amerikanisch-russische Konkurrenzkampf um die Gunst des unfreien Teiles der Welt, um die Gunst einer echten oder falschen Freiheitsgöttin, 1917 und wieder 1941 begonnen, erreichte beide Male seinen Höhepunkt nach Kriegsende.

Hitler wiederholte Wilhelm und Ludendorff, indem er es ganz ungleich besser machen wollte als sie. "Damals war es der Kaiser; jetzt bin ich es ..." Überaus schicksalsträchtig sind seine Beziehungen zu Ludendorff, in dessen angeregtem und wirren Kopf die Eliminierung des Unterschiedes zwischen politischer Führung und Kriegsführung, zwischen Zivilisten und Soldaten schon 1916 spukte, der später in seinem Buch über den "totalen Kireg", zumal im Kapitel über den "Feldherrn", genau das Amt beschrieb, das Hitler einnehmen sollte – einschließlich des letzten Hitlerschen Aperçus, wonach der Feldherr für sein Volk zu groß sein könnte. Die beiden fanden sich bald nach 1919 zusammen. Was sie wieder auseinandertrieb, waren verschiedene Anschauungen, nicht so sehr der Sache, wie der Rolle, welche sie selber in der Sache zu spielen gedachten.

Wiederholung war die Mächtekonstellation in ihrem Kern, Deutschland gegen England, Frankreich, Rußland und Amerika. Ein "Renversement des Alliances" gab es nur auf zweitrangigen Theatern, Italien, Japan. Dieses spielte im Zweiten Weltkrieg eine ungleich aktivere Rolle als im Ersten, aber doch nur eine sekundäre. Sobald Deutschland gefallen war, fiel Japan auch und war bereit aufzugeben, schon vor Hiroshima. Beide Male kämpfte Deutschland gegen die Welt; beide Male war für alle seine konzentrierte Kraft die Last zu groß.