Kein britischer Kolonialbeamter, kein einheimischer Nebenbuhler macht Nordrhodesiens Ministerpräsident Kenneth Kaunda in diesen Wochen vor der Unabhängigkeit seines Landes so viel zu schaffen, wie eine Frau – Alice Lenshina. Seit über zwei Wochen versetzt sie die Eingeborenen dieses zentralafrikanischen Staates in Angst und Schrecken. Die Mitglieder der von ihr angeführten Lumpa-Sekte überfallen Dörfer, plündern und brandschatzen; auf bestialische Weise morden sie Männer, Frauen und Kinder.

Den Soldaten und Polizisten, die in das Unruhegebiet geschickt wurden und Alice auf Befehl Kaundas "lebend oder tot" in die Hauptstadt Lukasa bringen sollen, leisten sie erbitterten Widerstand. Bewaffnet mit Speeren, Äxten, Haumessern und Schrotflinten weichen sie nicht den Maschinengewehrsalven der Regierungstruppen aus – im fanatisch-blinden Vertrauen auf das Versprechen ihrer "Prophetin": Gott werde die Kugeln des Feindes in Wasser verwandeln, die "Jericho"-Schreie der Lumpa-Gläubigen würden die Angreifer verjagen, und mit dem "Paß für den Himmel" – einem dreckigen Fetzen Papier, versehen mit einem Gummistempel "Alice Lenshina" – käme jeder Tote unter ihren Getreuen sicher in das "ewige Paradies".

Mehr als zwanzig Siedlungen in der Nordprovinz des Landes wurden von Alices Sektierern verwüstet, über 500 Menschen verloren bei den Massakern ihr Leben. Kaunda mußte den Notstand ausrufen, er ordnete an, die Fahnen auf Halbmast zu setzen, und untersagte sämtliche Sportveranstaltungen. Zu allem Überfluß muß er seine Soldaten nun auch noch gegen die aufgebrachten Dorfbewohner einsetzen, die unter den Sekten-Kriegern ein furchtbares Blutbad anrichteten.

So droht die Gefahr, daß Teile Nordrhodesiens, das im Oktober als der 38. afrikanische Staat seine Freiheit erhalten soll, diese Freiheit dazu benutzen, sich in einen Bruderkrieg zu stürzen. Und wie im Kongo, wo die von ihren Medizinmännern angefeuerten Rebellen das Land terrorisieren, treibt in Kaundas Reich der Aberglaube ein paar tausend Wahnsinnige zu grausamer Metzelei an. Dort, wo sonst nur der Löwe panische Furcht verbreitete, führt nun eine Frau ihr Schreckensregiment.

Dabei sieht man Alice Lenshina die Mörderin nicht an. Die vierzigjährige, untersetzte, stämmige Frau mit den leuchtenden schwarzen Augen wirkt eher wie eine gutmütige, freundliche "Nanny", deren Lebensaufgabe es ist, Kinder zu hüten. Noch heute kann Kenneth Kaunda, der mit ihr in derselben Klasse der Missionsschule saß und von demselben Lehrer der Schottischen Hochkirche das ABC lernte, nicht begreifen, welcher Teufel in seine ehemalige Spielkameradin gefahren ist. "Sie war ganz anders", erinnerte sich der Ministerpräsident in diesen Tagen. Auch in den Jahren danach, als sich ihre Wege trennten, war Alice nichts anderes als eine von vielen Frauen in Nordrhodesien. Sie heiratete, hütete ihre fünf Kinder, bereitete ihrem Mann das Essen, ging an den Sonntagen in die Kirche.

Dann aber, an einem Tag im Jahre 1953, wurde sie "erleuchtet". Sie hatte einen Anfall, stürzte zuckend zu Boden und "starb", wie sie später ihren Anhängern einredete. Und während ihre Verwandten und Freunde um sie herumstanden und Gebete murmelten, war sie "im Himmel und sprach mit Gott". Sie fand, so berichtete sie, zwei Götter – einen schwarzen und einen weißen; der schwarze Gott aber sei der "große Gott" gewesen. Er habe ihr dann ein schwarzes Buch gegeben, das nur sie allein und kein Weißer lesen könne. In diesem Buch hätten die "neuen zehn Gebote" gestanden, die sie – "von den Toten wiederaufgestanden" und auf die Erde zurückgekehrt – nun den Afrikanern verkünden müsse.

Alsbald zog Alice von Dorf zu Dorf, sammelte Anhänger um sich, gründete die Lumpa-Sekte und ließ Kirchen bauen. Die Massen strömten ihr zu, lauschten ihren Reden und befolgten ergeben die Gebote, die ihnen ihre "Prophetin" mit bombastischer Rhetorik verkündete: in der Lumpa-Kirche nicht auszuspucken und auch keinen Schnupftabak zu benutzen, vor der Messe nicht zu trinken (Alkohol sei nur bei Hochzeiten erlaubt), nicht mehr als eine Frau zu heiraten, den Nachbarn keine Kleider und kein Vieh zu stehlen, nicht die Gattin des anderen zu begehren, nur dem "einen Gott, von dem ich, Alice, künde", zu gehorchen, nicht an Zauberei zu glauben. Es dauerte nicht lange, da zählte Alices Sekte 100 000 Mitglieder, die sie als "Mutter" und Hohepriesterin abgöttisch verehrten und ihr blind ergeben waren.