Von Eckehard Dehmlow

Immer reichhaltiger werden die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft und Technik; lawinenartig steigt die Zahl der Forscher und die Zahl der Veröffentlichungen an. Sir Robert Robinson, Nobelpreisträger und einer der Großen im Reiche der Wissenschaft, erwähnte kürzlich, daß ein Chemiker mehrere Jahre lang ununterbrochen Tag und Nacht lesen müßte, um die Neuerscheinungen eines einzigen Jahres auch nur seines engeren Fachgebietes vollständig auswerten zu können. Spötter sagen voraus, daß der Tag nicht mehr fern ist, wo kein Forscher auf der Welt mehr arbeiten kann; er muß nämlich dann seine gesamte Arbeitszeit darauf verwenden, die Veröffentlichungen seiner Kollegen zu lesen.

Das Problem ist natürlich nicht neu; aber es war noch nie so dringlich wie heute. Auf dem Gebiet der Chemie wurde bereits 1830 das "Chemische Zentralblatt" als "vollständiges Repertorium für alle Zweige der reinen und angewandten Chemie" begründet. Das Zentralblatt sollte eine kurze, aber alles wesentliche enthaltende Zusammenfassung aller Artikel, Bücher oder Patente auf dem Gebiet der Chemie, Technologie und ihrer Grenzgebiete bringen. Heute reicht die Spannweite der Themen von theoretischen Arbeiten über Atomzerfall bis zur Herstellung neuer Baustoffe, von Patenten über neue Haarwuchsmittel, Kunststoffe, Unkrautbekämpfungsmitteln zu Berichten über die Verkalkung von Zentralheizungseinrichtungen, von der Isolierung neuer Naturstoffe, Herstellung neuer Medikamente bis zur Zusammensetzung der Sterne und zu den Stoffwechselvorgängen bei Lebewesen. In jeder Woche erscheint ein Heft des Zentralblatts, ein Jahresband enthält einschließlich der Register gegen 25 000 Seiten.

Im Jahre 1962 wurden 108 000 Arbeiten aus allein etwa 3000 periodisch erscheinenden Fachblättern aus über 50 Ländern der Erde mit rund 3 Millionen Originaltextseiten referiert. Für 1964 rechnet man bereits mit 155 000 Zusammenfassungen im Chemischen Zentralblatt. Schon seit längerem ist also selbst das komprimierte Schrifttum so angewachsen, daß in einzelner es nicht mehr überfliegen kann. Andererseits ist ein Organ wie das Zentralblatt unumgänglich notwendig, um die Wissenschaftler auf der ganzen Welt informiert zu halten und um unproduktive Doppel- und Mehrfachforschung und -erfindung so gering wie möglich zu halten. Übrigens hatte das Zentralblatt in seiner Frühzeit in vielen Ländern Konkurrenten. Vor der Größe der Aufgabe sind fast alle im Laufe der Jahre gescheitert; heute sind neben dem Zentralblatt nur noch die Chemical Abstracts in den USA übriggeblieben, die in ähnlicher Weise einen vollständigen Überblick über die Chemie der ganzen Welt geben.

Das Titelblatt jeder Wochennummer des Chemischen Zentralblatts trägt den Vermerk "im Auftrage der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Ost), der Chemischen Gesellschaft in der DDR, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Gesellschaft Deutscher Chemiker (in der BRD) herausgegeben... im Akademie Verlag (Berlin Ost) und Verlag Chemie (Weinheim/Bergstr.)". Hier ist in der Tat noch ein Bereich, in dem Os: und West intensiv zusammenarbeiten. Es gibt zwei Teilredaktionen, eine am Schiffbauerdamm in Ostberlin und die andere in der Geisbergstraße in Westberlin.

Vor der Mauer fanden fast tägliche Arbeitsbesprechungen der leitenden Redakteure aus West und Ost statt. Am 13. August 1961 waren die Kontakte zunächst unterbrochen. Aber da der Osten ein eher noch größeres Interesse am Weiterbestehen des Chemischen Zentralblatts hatte als der Westen – wo man zur Not vielleicht allein fertig würde und wo eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Konkurrenz zumindest denkbar wäre –, erhielt eine kleine Zahl von Redakteuren und Boten (fast alles Westberliner) Dauerpassierscheine. Die Zusammenarbeit zwischen den Teilredaktionen und den Setzereien und Druckereien, die in Ostberlin sind, klappt relativ reibungslos. 1500 fach- und sprachkundige freie Mitarbeiter, meist Studenten höherer Semester, aus Ost und West komprimieren die Originalartikel. Die Referate werden dann in der Redaktion von über 100 hauptberuflich angestellten Wissenschaftlern und mehreren hundert technischen Hilfskräften überarbeitet.

Da niemand in der Lage ist, die über 20 000 Textseiten eines Jahres durchzusehen, ist für den Benutzer des Journals das Register am wichtigsten, das nach Autoren, Formeln, Patentnummern und Sachgebieten unterteilt ist. Die Herstellung dieser vier Registerarten verursacht fast ebenso viel Arbeit und Kosten wie die Drucklegung der Textseiten. Leider können die Registerbände immer erst ein bis zwei Jahre nach dem Referatenteil ausgeliefert werden. Bei dem schnellballartigen Anwachsen des Umfangs wird man auf die Dauer nur durch eine maschinelle Registerherstellung mithalten können. Dies ist für die drei ersten Registerarten relativ einfach. Für das Sachregister reicht die "Intelligenz" der bisher eingesetzten Elektronengehirne noch nicht aus. Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, oder gar aus einem Text selbst herauszusuchen und Zusammenhängendes sinnvoll statt rein mechanisch anzuordnen, geht noch über ihre Fähigkeit.