Von Heinz Michaels

An 30. Juni 1964 verließen die beiden Brüder Dr. Carlfried und Dr. Hans Schleussner endgültig die Direktionszimmer der Adox-Fotowerke GmbH, Zurück blieb J. Roy Kelly, aus Neigung und Familientradition Du-Pont-Manager. Der zweijährige Übergang des über hundert Jahre alten Familienunternehmens an den größten Chemiekonzern der Welt war damit vollendet. Der Aufbau einer neuen amerikanischen Basis für das Europageschäft kann beginnen. Im Kampf der Großkonzerne um den europäischen Photomarkt wird ein neues Kapitel geschrieben.

Der Anfang dieses Kapitels datiert vom Herbst 1962. Kaum war die Tinte unter dem Kaufvertrag zwischen der Familie Schleussner und der E. I. du Pont de Nemours & Company (Inc.), Wilmington, Delaware, getrocknet, da fand sich Kelly, bis dahin Finanzdirekter in der Du-Pont-Abteilung für Photoprodukte, in der Düsenmaschine nach Frankfurt. Am 1. Oktober begann er seine Tätigkeit als dritter Geschäftsführer neben den Brüdern Schleussner im Adox-Verwaltungsgebäude in der Niederau, einer jener noch vornehm-ruhigen Straßen im Frankfurter Westen.

Für Kelly begannen nach 22 Jahren Du-Pont-Dienst auch neue Lehrjahre. Da ist zunächst der Unterschied in der Größenordnung, dessen er sich bewußt werden mußte. Gegenüber den Verkäufen in Höhe von zweieinhalb Milliarden Dollar im Jahr des Du-Pont-Konzerns ist Adox mit seinem auf 60 Millionen Mark geschätzten Jahresumsatz natürlich ein Zwerg. Überhaupt: 1963 wurden in der gesamten westdeutschen Photoindustrie knapp 1,3 Milliarden Mark umgesetzt. Zum Vergleich: Das Volkswagenwerk, das größte deutsche Industrieunternehmen, setzte allein rund fünfmal so viel um.

Da waren weiter die Verständigungsschwierigkeiten, denn Kelly, waschechter Amerikaner aus Tennessee, hatte sich bis dahin mehr mit Verfahrenstechnik und Produktionsplanung beschäftigt als mit der deutschen Sprache. Schließlich mußte der europäische Markt kennengelernt und die Situation von Adox analysiert werden. Und eben auf diesem Markt sind in den letzten zehn Jahren einschneidende Veränderungen vor sich gegangen, welche die Brüder Schleussner dann auch veranlaßten, ihr Unternehmen an die Amerikaner zu verkaufen.

Drei Ereignisse führten die Wende auf dem Markt herbei: Die Amateure begnügten sich nicht länger mit den Schwarz-Weiß-Bildern, sie wollten farbig photographieren; der gemeinsame EWG-Markt öffnete die Grenzen und brachte einen härteren Wettbewerb; schließlich setzte zu eben dieser Zeit als erstes amerikanisches Unternehmen Kodak zur Eroberung des Europa-Marktes an.

"Geben Sie sich keinen Illusionen hin", sagte ein maßgebender Kodak-Manager einmal gesprächsweise zu Hans Schleussner. "Wir sind fest entschlossen, in Europa den gleichen Marktanteil zu gewinnen, den wir in den Staaten haben." Und das ist nicht wenig. Fachleute schätzen den Marktanteil auf etwa 80 Prozent. Überhaupt dürfte Kodak heute rund zwei Drittel des Weltmarktes für Amateurfilme beherrschen – eine Folge des großen Booms der Farbphotographie und der Kodak-Verfahren auf diesem Gebiet.