Von Jörg Eckart

Im Briefkasten grinste mir das schreckliche Wort "hingerichtet" in großen roten Lettern auf einer Postkarte entgegen. Mir lief es kalt über den Rücken. Ich dachte an Freisler und Königin Marie Antoinette. Aber das war völlig fehl am Platze. In der Zeile darunter hieß es kleingedruckt weiter "sind alle Blicke auf unsere Veranstaltungen: Vorbeugen ist besser als heilen". Dann war von Rheuma und Ischias die Rede, vom Dienst an der Gesundheit, von einem Neunzig-Minuten-Programm und davon, daß man pünktlich kommen solle. Also wieder eine Werbeveranstaltung.

Da ein Gutschein für eine Kleinbildkamera "kein Kinderspielzeug – kein Scherzartikel" beigefügt und der Empfang des Geschenkes "gleich zum Mitnehmen" garantiert wurde, trieb mich die Neugier an einem, heißen Sommervormittag in das Neunzig-Minuten-Programm. Als das Kino trotz der Hitze randvoll war, probierte ein graumelierter Mitvierziger im schlecht sitzenden Konfektionsanzug so etwas wie einen Hans-Albers-Auftritt: "Hoppla, jetzt komm ich". Er hub an, den braven Zuschauern Angst zu machen – Angst vor Rheuma, vor Kreislaufstörungen, vor Tabletten und Tropfen, die doch nichts nützten, und sang ein Loblied auf das Hausmittel Wärme. Die Frage: "Was will der Mensch im Bett?" ließ er im ungelüfteten Raum stehen und behauptete, wir alle stiegen jeden Abend in ein kaltes, ungelüftetes Bett. Weshalb wir nicht in ein geheiztes Bett stiegen?

Nach einer halben Stunde ließ der Hans-Albers-Imitator die Katze aus dem Sack – eine Wärmedecke. Sie wurde wirklich aus dem Sack gelassen, einem Plastikbeutel, den ein eifriger Gehilfe auf die Bühne warf. Nun staunte das Publikum – vorwiegend ältere Frauen, einige Rentner und wenig junge Leute, denn es folgte ein populär-wissenschaftliches Kolleg über die Qualitäten der Decke. Ich habe nur etwas von Wärmeleitern, Waterproof und Einheitspiralen verstanden, von Spezialschaumstoff und von 42 Grad Celsius, die von der Decke im eingeschalteten Zustand konstant eingehalten würden.

Während ich noch darüber nachdachte, wandelte sich der Mitvierziger in eine Kreuzung aus billigem Showmann und noch billigerem Magier.

Nun kauft mal schön, dachte ich, aber von wegen. Nur wenige Decken könnten sie in ihren Werbeveranstaltungen abgeben, hieß es plötzlich, dafür sei der Preis so günstig. Die Decken müßten noch bis zum Wochenende reichen und überhaupt sei es ja fast ein Geschenk, wenn man eine bekäme. Ganz beiläufig wurde auf Befragen der "niedrige Preis" erwähnt: 98 Mark in bar oder zehn Monatsraten zu je zehn Mark. Soviel muß einem doch die Gesundheit wert sein.

Trotz dieser Beteuerungen kauften nur wenige die ersten Decken. Im gut einstudierten Wechselspiel von Showmann und zwei Gehilfen kamen aber immer mehr Decken zum Vorschein, die immer schneller Abnehmer fanden. Offenbar glaubte jeder der Glücklichen Letzter zu sein. Der Bühnenmann und ein Gehilfe im Parkett warfen sich gut einstudierte Grobheiten an den Kopf – Decken seien "uff de Seit" gebracht worden – solange, bis der Gehilfe des Saales verwiesen wurde.