Es fing so harmlos an. Am Samstag stellte Rainer Günzler, im Mainzer Sportstudio, Ratzeburgs Rennachter vor. Eine Schiffswand markierte das Boot; die Männer schauten, sobald der Steuermann die Klappen geöffnet hatte, zum Bullaugenfenster hinaus; Reporter Günzler nannte indessen Beruf und Namen, Gewicht und Statur der in Großaufnahme gezeigten Athleten. Dabei geschah es dann freilich, daß Bild und Ton sich wie feindliche Brüder verhielten, das Achtmänner-Haus-Spiel mit den Klappen nicht klappte und Rainer Ginzlers Zettel noch nicht abgelesen war, als die Kimera schon lange verhielt. Das Mikrophon, hieß es später, sei zu weit vom Tatort entfernt; die Mainzer Aufwendigkeit schien sich zu rächen; der Zuschauer dachte: Wie wäre es, vor Sendungsbeginn, mit einer bescheidenen Probe gewesen? Ein synchron lesender Sprecher, ein cleverer Klappenöffner, acht von Pförtnern und Inspizienten markierte Athleten, etwas mehr Sorgfalt, ein klein wenig Furcht vor den Worten "Provinz" und "Dilettantismus", und man hätte das Probeteam gefunden und sich eine Blamage erspart.

Einen Tag später sah man in Werner Höfers Frühschoppenrunde einen rechten Flügel, getrieben von linksliberalem Elan, und eine Linke ohne Schwung und Argument. Lathe und Leonhard ergänzten sich prächtig, ein Schweizer Freischärler blieb auf der Strecke, das stereotype Rußki nix gut erwies sich auch in helvetischer Umschreibung nicht schlagkräftig genug, um die Bastionen der rechten Linken zu stürmen. Wie? Um Verwirrung im Westen zu stiften, wolle Chruschtschow an den Rhein? Und die Verwirrung im Osten? Sei sie nicht größer, fragte Leonhard, auch für die DDR sehr gefährlich? Nun, der Eidgenosse schwieg. Er war den Deutschen, ob des Adschubej-Empfanges, offensichtlich zu gram, um hier replizieren zu können.

Am Montag und Dienstag folgten zwei Krimis. Frau Koch mußte eine Fernsehansagerin spielen, die an den Folgen einer Kinderlähmung litt und sich deshalb von dem Geliebten verschmäht sah. Humpelnd und hübsch demonstrierte sie einmal mehr, wie elend doch, verglichen mit dem seelenkalten Vamp, das Schicksal einer schönen Leidenden ist. Seltsam, mit welcher Gelassenheit das auf Tränen erpichte Filmvolk es hinnimmt, daß Autoren immer dann, wenn sie nicht weiter wissen, ein blasses Schicksal mit einer kleinen Poliomyelitis, einem Tumor, einer schmerzlichelegischen Blindheit oder einer zur Euthanasie einladenden multiplen Sklerose beleben. Die Kranken schweigen, der Ekel und die Scham sind stumm, kein Berufsstand ruft zum Protest. Dafür werden dann die Drogisten Einspruch erheben, denn einer der ihren war am Dienstag zugleich der Erpresser und Mörder. Drogisten aber, das weiß jeder, morden nie. Am Mittwoch legte man am Rothenbaum die weiße Patience: 40:30, Einstand, aus, zwei Bälle mehr, schon wieder auf den falschen Fuß, Doppelfehler und As – Stunde um Stunde, Kopf zur Linken, Kopf zur Rechten, ein monotones Spiel, vorweggenommener Tod, die sommerliche Melancholie. Ja, es fing harmlos an, bevor man am Abend des Mittwochs den großen Donnerschlag hörte. Erinnerungen wurden wach, Gedanken an vergangene Augusttage gewannen Gestalt und man verglich den ernsten, sehr langsam und ein wenig mühsam sprechenden Mann, der zugleich an Vietnam und die Ermahnungen seiner Ärzte zu denken schien, mit einem zweiten, noch vertrauteren Gesicht. Damals, als Kennedy und Soerensen das Bild von den Siegesfrüchten entwarfen, die für die Lippen nichts als Asche seien, sah man ebenfalls Minister McNamara in Aktion.

Doch der zahnreiche Mars schien zu jener Zeit noch nicht ganz so munter und zuversichtlich wie jetzt. In dieser Woche jedenfalls sprach Mr. McNamara, flankiert vom freundlich nickenden Rusk, wie ein befriedigter Techniker, der über ein gelungenes Experiment referiert. Momos