"Ich bin der neue Lumumba", tönte die Stimme des kongolesischen Rebellenhäuptlings Soumialot über Radio Albertville. "Er hat gesagt, ein noch Stärkerer werde kommen und sein Werk vollenden. Dieser Mann bin ich. Dem ich habe Stanleyville genommen. Bald werde ich nach Leopoldville kommen."

Diese Selbstdarstellung stimmte nicht ganz mit den Tatsachen überein. Stanleyville, die Hochburg der Lumumbisten und drittgrößte Stadt im Kongo, wurde nämlich nicht von Soumialot, sondern von der "Volksarmee" des sogenannten Rebellengenerals Nicolas Olenga erobert. Seine Krieger vom Stamme der 3atetela, Bakuju und Basonge hängen nur lose mit dem linksgerichteten "Nationsien Befreiungskomitee" zusammen, deren Anhänger sich in den übrigen Ostproviizen ausbreiten.

Während die Rebellen ins katangesische Zinnminengebiet und auf Bukavu, die Hauptstadt der Provinz Kiwu am Tanganjikasee, vorrückten, während neue Einheiten der Armee zu ihnen überliefen, gab sich Ministerpräsident Tschombe siegessicher: Er brauche keine fremden Truppen; seine 15 000 treuergebenen Katanga-Gendarmen würden den Rebellen-Spuk in ein paar Tagen wegfegen.

Tatsächlich aber war auch der "Wunderdoktor" Tschombe mit seinem Latein schon am Ende. Afrikanische UN-Diplomaten geben ihm nur noch eine Gnadenfrist von ein paar Wochen. An Brüssel erging seine dringende Bitte, den 200 belgischen Offizieren, die als Militärberater im Kongo tätig sind, auch die Operationen anzuvertrauen. Aber Außenminister Spaak lehnte kategorisch ab.

Den gedemütigten Belgiern ist es kaum zu verdenken, daß sie neuen Fährnissen entgehen wollen. Bislang wurden belgische Einwohner von den Rebellen glimpflich behandelt. Aber Soumialot würde sie sofort zu Feinden erklären, wenn belgische Offiziere die Offensive gegen die Rebellen anführten. Einige der 40 000 belgischen Zivilisten und hohe Beamte in Brüssel erwägen sogar eine Zusammenarbeit mit den Rebellen, um sie aus dem chinesischen ins westliche Fahrwasser zu ziehen.

Die Regierung in Washington, voller Sorge über die Krise im Kongo, entsandte den Afrika-Experten Avtrell Harriman zu tagelangen Konferenzen in die belgische Hauptstadt. Er und Spaak waren sich einig, daß eine militärische Intervention im Kongo weltpolitisch zu gefährlich sei. Die USA unterhalten im Kongo lediglich fünfzig "Militärtechniker‘, die Soldaten im Gebrauch amerikanischer Waffen unterweisen; jährlich leisten sie für neun Millionen Dollar Militärhilfe. Nunmehr soll die Wirtschaftshilfe beträchtlich erhöht werden. Auch Transport-Flugzeuge und Lastwagen für die Armee werden über den Atlantik kommen.

Aber ist es nicht schon zu spät? Nie seit dem Herbst 1960 waren die Lumumbisten ihrem Ziel, der Rückkehr zur Macht, so nahe wie heutzutage. Ihre Bedingungen für eine Aussöhnung mit Tschombe haben sie noch höher geschraubt: Staatspräsident Kasavubu und General Mohn sollen abtreten. In eine erheblich erweiterte Regierung müßten dann die Schlüsselfunktionen den Lumumbisten zufallen, Tschombe könnte im Amt bleiben, wenn er diese Bedingungen akzeptiert.

Die Mehrheit der 14 Millionen Kongolesen ist des vierjährigen Tohuwabuhos herzlich müde. Sie wollen nichts weiter als Ruhe und Sicherheit. Und möglichst wenig Politik. "Was wir nötig haben, ist eine Regierung von Technikern", sagte ein junger, gebildeter Zivilangestellter in Leopoldville. "Alle unsere politischen Führer haben blutbefleckte Hände. Sollen wir denn niemals eine unpolitische Regierung haben, die nichts als regieren will?"