Sie haben diesmal in der Berichterstattung über die Bayreuther Wagner Aufführungen zwischen "unserem eigentlichen Festspielbericht" und weiteren Diskussionsbeiträgen unterschieden. Mit dem "eigentlichen" haben Sie Hans Mayer beauftragt. Sein Artikel enthält so viel Kritisches zum Problem Bayreuth, daß ich mich damit zufrieden geben könnte. Mayers positiv gestimmte Tonart unterscheidet sich zwar grundsätzlich, von dem negativen Tenor, in dem Walter Abendrotb und ich dreizehn Jahre lang in der ZEIT über die szenischen Experimente der Wagner Enkel berichtet haben. Doch unvermuteten Zuzug erhielten wir Negativisten, gegen die endlich einmal etwas unternommen werden mußte, durch den Beitrag von Marcel Reicb Rancki.

Ein Kritiker, der sich ebenso wie Hans Mayer bisher vorwiegend über literarische Themen vernehmen ließ, stellte, indem er in Bayreuth genau hinhörte, fest: "Das Akustische macht das Visuelle lächerlich , Wteland Wagner denunz ert, was Richard Wagner glorifiziert. Man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Regisseur die Wagnersche Musik als einen Faktor empfindet, der stört und hemmt und dessen man sich dennoch leider nicht entledigen kann " Mit ein bißchen anderen Worten sagt das der Professor Mayer auch. Nur klingt es, bei hm ganz anders. Er schrieb eine "positive" cder "aufbauende" Kritik. Denn ihm gilt als das Hauptereignis des neuen Bayreuth: "Die Enkel haben das Werk Richard Wagners mitsamt lern Festspielgedanken erfolgreich in die lebendige geistige Auseinandersetzung einer zweiten Nachkriegszeit einmontiert" — Wie wahr! Aber auch: wie bescheiden! Immerhin verdient der Positivismus geride eines Mannes von der Couleur Hans Mayers, in einem bestimmten Zusammenhang beachtet zu werden. Mit seinen Bemerkungen hat er jenen Teil jeder Wagnerdiskussion hoffentlich liquidiert, der unvermeidlich geworden zu sein schien, sobald Theodor W. Adorno ins Gespräch gezogen wird. Gemeint ist die innerdeutsche Auseinandersetzung über den Politiker, den "Präfaschisten" Richard Wagner. Darüber kommen deutsche Gelehrte und Schriftsteller noch immer nicht leicht hinweg. Das musikliebende Publikum von New York bis Tel Aviv hält sich inzwischen längst an den wirkungsmächtigen Theatraliker Richard Wagner.

Apropos Adorno möchte ich ein Wort der Würdigung einflechten, das sich auf die paar Absätze bezieht, die dieser ZEIT Diskussion vorangestellt worden sind. Adorno spricht darin immer noch von den "schmählichen Judenkarikaturen des Mime und des Beckmesser". Er ist der Meinung, daß solche Qualifizierung einiger dramatis p?rsonae nicht aus der Kenntnis von Richard Wigners Biographie abzuleiten sei. Nein, das würde Adorno verabscheuen wie das jüngste Pamphlet Ludwig Marcuses gegen Richard Wagner (So etwas hat für Adorno "etwas unsäglich Subalternes Man bekommt klebrige Hände Pure Spießbürgerei" ) In seinem eigenen Buch, "Versuch über Wagner", versucht Adorno, den Antisemitismus Richard Wagners bis ins Kumtwerk hinein zu verfolgen und aus ihm zu begründen.

Doch von diesem Buch, dessen Kernstücke vor drei Jahrzehnten geschrieben worden sind, distanziert sich sein Verfasser just mit jener Berliner Festwochenrede (1963), die im Bayreuther Irogrammheft zu Tristan und Isolde" 1964 auf 16 Großoktavseiten abgedruckt ist (Daraus stammen die Zitate in der ZEIT Nr. 30 ) Wer Adornos Buch kennt und sich ernsthaft für das Poblem von "Wagners Aktualität" interessiert, der muß diese revocatio ganz lesen.

Sie macht angesichts der ungebrochenen, uiideologischen, weltweiten Wirkung Richard Wagners in honoriger Weise vom Recht des persönlichen Irrtums Gebrauch. In seinem früheren (leider 1952 noch bei Suhrkamp herausgegebenen) "Versuch über Wagner" hatte sich Adorno wie ein postumer Hanslick (das biographische Urbild des Beckmesser) bemüht, den Komponisten Richard Wagner zu entlarven als einen musikalischen Dilettanten, dem es nur um donnernde Theaterwirkung gehe. Jetzt jedoch, in der Rede über "Wagners Aktualität", stellt derselbe Autor den Meister von Bayreuth an die Spitze der musikalischen Moderne, weil ohne Richard Wagner als Vorläufer die Schönberg Schule, der Adorno anhängt, nicht denkbar ist.

Damit sind nun alle aus dem Zusammenhang gerissenen, ach so beliebten Adorno Zitate über Richard Wagner zwielichtig geworden. Kommen wir zum Anlaß dieses Exkurses, zum Problem der Aufführungspraxis, zurück. In Adornos exzerpiertem Beitrag zu dieser "Brennpunkt"Diskussion steht ein Satz, durch den sich auch das ästhetische (nicht mehr das politische) Dilemma rein erkennen läßt: "Lärmend wirken in dem letzten Stuck ( Götterdämmerung) nur noch solche Stellen, die kompositorisch nicht gelöst sind; wo dem Klangvolumen die musikalischen Ereignisse nicht voll entsprechen, auf dem überdehnten und kompositorisch ereignislosen Höhepunkt von Siegfrieds Trauermusik; sie dürfte ins