Von Ingrid Neumann

In absehbarer Zeit müßte eigentlich Klarheit darüber bestehen, mit welchem Gepäck der westdeutsche Steinkohlenbergbau seine Reise in die Zukunft antreten wird. Der 31. August ist ein wichtiges Datum für die Kohle: Die nach dem Gesetz zur Förderung der Rationalisierung im Steinkohlenbergbau bestehende Anmeldefrist für Zechenstillegungen läuft ab. Das heißt, daß die Bergbaugesellschaften, die die vorgesehene Prämie von 25 DM je Tonne stillgelegter Kapazität kassieren möchten – wovon die Hälfte aus der Kasse des Bundes kommt – nicht mehr so ganz viel Zeit haben, um ihre Entschlüsse zu fassen. Zwar brauchen die Stillegungsabsichten bis Ende dieses Monats lediglich angemeldet zu werden – die eigentliche Aktion kann bis zu einem Jahr hinausgeschoben werden –, aber das macht den jetzt zu fassenden Entschluß ja keineswegs weniger endgültig.

Bisher sind seit dem Inkrafttreten des Gesetzes Stillegungsprojekte von 4 Millionen Tonnen Förderkapazität angemeldet worden, davon sind 3,5 Millionen Tonnen bereits so gut wie durchgeführt. Nach den gleichen Spielregeln sind seit Mitte Mai 1962 in einer sogenannten Vorausaktion weitere 8 Millionen Tonnen stillgelegt worden, so daß bisher insgesamt eine Steinkohlenförderung von 12 Millionen Tonnen auf Grund der Anreize des Rationalisierungsverbandes verschwinden wird. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, daß auch die Förderung entsprechend zurückgeht. Was jetzt noch auf der Strecke bleiben wird, ist noch nicht zu übersehen. Im Essener Glückauf-Haus hofft man indessen auf eine Verlängerung der Anmeldungsfrist.

Wozu wünscht der Bergbau eine längere Bedenkzeit, wenn doch heute schon feststeht, daß die Marktentwicklung nicht eine einzige Zechenschließung überflüssig machen wird. Jetzt nicht, und in fünf Monaten genausowenig. An diesem Punkte des Gespräches dreht sich wieder alles im Kreise. "Wie gehabt" wird man in den kommenden Wochen sagen können; denn im Bergbau ist wieder einmal alles in Erwartung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zur Stützung des Kohlenabsatzes ..."Um die stürmische Entwicklung in ausgeglichene Bahnen zu lenken, bedarf es dringend unverzüglicher Maßnahmen der Bundesregierung ...", so telegraphierte jetzt der Vorstandsvorsitzende der Zechenverbände Ruhr und Aachen, Bergassessor Helmuth Burckhardt, an den Bundeswirtschaftsminister. Diese Maßnahmen abzuwarten, darum geht es bei dem Wunsch nach einer Verlängerung der Anmeldefrist für Zechenstillsetzungen. Erst wenn der Bergbau weiß, was sich diesmal in Bonn für die Kohle herausholen läßt, sollen bestimmte Stillegungsprojekte verwirklicht – oder ad acta gelegt werden.

Wie eine magische Zahl geistert durch alle offiziellen Kohlegespräche eine Jahresförderung der deutschen Steinkohlenzechen von 140 Millionen Tonnen. Es ist das erklärte Ziel der in Essen vertretenen Bergbaupolitik, diese Förderkapazität in die Zukunft hinüberzuretten, wobei nicht verkannt werden darf, daß auch keine aus Bonn kommende Gefälligkeitsadresse es je versäumt hat, den Bergbau in dieser Absicht zu bestärken.

Mag das vergangene Jahr mit seinem langen und harten Winter – einem "Jahrhundertwinter" für die Kohle – bei manchen Zechengesellschaften tatsächlich den Blick für die Gegebenheiten getrübt haben; schon seit einigen Monaten muß es für sie jedoch ein böses Erwachen gegeben haben. In diesem Jahr wird der deutsche Bergbau 10 Millionen Tonnen weniger verkaufen können. Im vergangenen Jahr wurden noch 6 Millionen Tonnen Kohle von den Halden verkauft – gegenwärtig wachsen im Revier wieder Kohlenhalden; vorsichtige Schätzungen rechnen mit 4 Millionen Tonnen unverkaufter Förderung bis zum Jahresende. Was nützt es, wenn selbst aus Zechenkreisen die Warnungen vor einem erneuten Anwachsen der Halden kommen: Fördereinschränkungen sind nun einmal nicht gefragt!

Viel wichtiger aber wäre es, die Ursachen dieser Entwicklung zu sehen, weil sie zugleich die 140-Millionen-Tonnen-Politik als reine Utopie entlarven. Als einziger unbestrittener Kunde des Bergbaus ist die Eisenschaffende Industrie übriggeblieben, mit deren Koksverbrauch die Zechen indessen selbst bei so extrem guter Stahlkonjunktur wie gegenwärtig keine allzu großen Sprünge machen können. Der spezifische Koksverbrauch in der Roheisenerzeugung wird noch weiter zurückgehen und den Mehrverbrauch dementsprechend regulieren. In allen anderen Absatzgruppen muß die Kohle mehr oder minder hart um ihre Positionen ringen, wobei realistische Kohlenkaufleute davon ausgehen, daß insbesondere in der Klein- und mittelständischen Industrie der Umfang des Umstellungsprozesses von Kohle auf Öl noch längst nicht abzusehen ist.