Hans Habe: Der Tod in Texas, Eine amerikanische Tragödie; Verlag Kurt Desch, München; 340 Seiten, 9 80 DM.

Thomas G. Buchanan: Das Rätsel von Dallas oder Auf den Spuren der Mörder; RowohltTaschenbuchverlag, Reinbek; 142 Seiten, 2 20 DM.

in politisches Buch wird nicht gerade häufig zum Bestseller. Einiges muß da zusammenKein Wunder, daß Habes Reportage ein groTexas, die Mitglieder der faschistischen Birch Mit untrüglichem Sinn für dramatische Effekte teilt unser Autor dem strahlenden Siegfried die lepräsentanten der politischen Unterwelt gegengewesen, so schreibt Habe, mit den Guten seien lerzigen die Herzlosen, mit den Freunden die 7einde, mit den morgendlichen Menschen die rofiteure der Dunkelheit "Mit Abel dem Hir:en erwachte Kain der Jäger " Kennedy wollte in der Tat, daß sein Land sich Denken und Handeln nötig macht. Gerade damit orderte er seine Gegner heraus. Denn Kennedy salesmen" ließ sie sich nicht schaffen, auch nicht Die erfolgreichen, allen subtileren intellektuellen amerikanischen Südwestens und das weiße Lumpenproletariat fanden sich in der Tat bald in einer seltsamen Koalition.

Am Willen der Neger, ihre Emanzipation zur vollen Gleichberechtigung zu führen, schieden sich die Geister vollends. Einzelne Staaten begannen, der Regierung in Washington in erbitterter Feindschaft zu trotzen, weil einige hemmungslose Provinzdiktatoren nicht einsehen wollten, daß die Zeit über sie hinweggegangen war und die Vereinigten Staaten andere Institutionen brauchten als die, an denen sie sich festklammerten.

"John Fitzgerald Kennedy", so schließt Hans Habe seinen Bericht, "wurde ermordet, weil er die Ölquellen von Texas nicht für Amerikas neue Grenzen hielt, weil seine Vision die new frontiers an den Grenzen der bewohnten Erde und an der Oberfläche des Mondes sah, weil in seinem Traum von einem neuen Amerika der rugged individualism der besoffenen Pokerspieler, der zweifäustigen Cowboys und der rotblütigen Pioniere keinen Platz hatte; weil ihm aber, andererseits, nicht die Zeit gegeben war, mit der Hilfe guter Gefährten und der Mehrheit eines gesunden Volkes die Verschwörung eines veralteten Halali Kapitalismus mit dem neuen Lumpenproletariat zu brechen, und weil also der Haß von exklusiven Klubs in Dallas an Spelunken in Birmingham, von Salons in Jackson an Hafenkneipen in New Orleans weitergegeben werden konnte " Aber bei soviel Glanz der Reportage und ihrer scharfgeschliffenen Pointe beschleichen uns Zweifel. Hat der Autor die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen gezogen? Zufällig war ich fast zur gleichen Zeit im amerikanischen Süden und Südwesten wie Hans Habe. Ich habe ähnliche Begegnungen und Erfahrungen gesammelt wie er. Der blinde und wilde Haß gegen die Kennedys, der mir wenige Wochen vor dem Mord n Dallas auffiel, erschreckte mich tief. Der Staat Mississippi erschien auch mir als ein dunkler leck inmitten dieses reichen und schönen Landes. Dennoch fragt sich, ob Kennedys Feinde wirklich zu einer Verschwörung entschlossen waren und ob die Fronten sich so klar formiert hatten. Habes Bericht handelt im wesentlichen von Kennedys Gegnern. Man begegnet sozusagen dauernd dem Teufel. Das erklärt mindestens zum Teil, warum sich so viele Leser eingefunden iahen. Doch will mir der Gegensatz der Kennedys und der Anti Kennedys überspitzt erscheinen. Sicher, Kennedy hatte sich am Widerstand des raditionellen Amerika festgelaufen. Seine Vision :and nicht den Widerhall, den man ihr gewünscht lätte. Das galt gerade auch für den Kongreß in Washington, wo das meiste von Kennedys Reformimpulsen am Widerstand einiger alter Männer gescheitert ist. Aber paßt es nicht doch eher m einen Roman, wenn das Amerika der Gegenwart als Ringen des argen Schwarzen mit dem strahlend Weißen gedeutet wird? Die Wirklichkeit ist komplizierter, und die Übergänge sind fließender. Amerika läßt sich nicht so einfach in gut und böse teilen, auch wenn die Nominierung Goldwaters zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten noch einmal nachträglich Hans Habes Thesen zu bestätigen scheint. John F. Kennedy war eine faszinierende Persönlichkeit. Er war ein moderner Mensch und ein großer Amerikaner. Aber er war nicht jener Siegfried, als den ihn Hans Habe darstellt. Wer sich im amerikanischen politischen Geschäft von unten nach oben durchboxt, der muß auch manches von dem haben, was er in den ölmillionären von Texas bekämpfte. Und man sollte nicht vergessen, die salesmen und die Cowboys, die Individualisten und die Verächter aller Bildung gehören auch zur Tradition des Landes wie die Tatsache, daß ein nicht unwesentlicher Teil der amerikanischen Demokratie auf dem Untergrund einer Sklavengesellschaft gewachsen ist. Der tote Präsident war der Repräsentant des einen Pols, der von einem anderen scharf geschieden ist und der mit ihm dennoch in einem merkwürdigen und geheimen Zusammenhang steht.

Heute finden sich die Amerikaner vor der schwersten Prüfung ihrer Geschichte. Sind ihre Institutionen ihrer neuen Lage im eigenen Lande und in der Welt noch angemessen? Die besten Geister Amerikas suchen nach neuen Wegen. Kennedy war einer von ihnen. Er verkörperte den Willen zur Reform in eigentümlich reiner Weise, und sein Tod gab ihm den Glanz der Märtyrerkrone. Sein Nachfolger Johnson hatte es schwer, vor dem Toten zu bestehen. Dennoch hat er sich durchgesetzt, und er ist sogar in vielem weitergekommen als John F. Kennedy. Und auch er stammt aus jenem Texas, von dem Hans Habe sagt, daß es in bösem Stumpfsinn verharre. Denn auch im Süden und Südwesten sind Kräfte der Reform am Werke, die den Widerstand gegen die ewig Gestrigen nicht zu einer solch hoffnungslosen Sache machen, wie uns Habe zu sagen scheint.

Unser Autor hat Kennedys Ermordung mythologisiert. Die Zweifel wollen nicht verstummen, ob Lee Oswald wirklich der Mörder gewesen sei. Thomas Buchanan, ein Amerikaner in Paris, hat alles zusammengetragen, was dagegen spricht. Sein Befund kommt zu radikal anderen Ergebnissen als die offizielle Version der Alleintäterschaft. Aber der von Präsident Johnson eingesetzte Warren Ausschuß, der aus untadeligen, über jeden Verdacht erhabenen Männern besteht, hat offensichtlich die ursprüngliche These erhärtet. Hans Habe meint freilich, es sei gleichgültig, wer geschossen habe. Wenn man hundertmal den Namen des Attentäters wisse und wenn der Beweis der Einzelaktion hundertmal erbracht wäre, könnte man sich doch nicht zufrieden geben. Aber hier stößt Habes Reportage an ihre Grenze. Denn es gibt nun einmal Zufälle in der Geschichte, und es sind nicht überall geheime Drahtzieher am Werk. Die Frage, wem ein Verbrechen genützt habe, schafft nicht immer den Täter herbei. Was bei Buchanan deutlich ausgesprochen wird, ist auch bei Habe angelegt: eine Kennedy Legende droht zu entstehen, die der Verschwörung des Hasses. Sie hat ihren Kern Wahrheit, der freilich in viele Fiktionen eingebettet ist. Gewiß, nach der Lektüre Buchanans will man sich nicht einfach mit dem beruhigen was uns von amtlicher Seite gesagt wurde. Aber bietet der Ankläger mehr als kühn konstruierte Spekulationen? Da scheint es näherzuliegen, Earl Warren, dem obersten Richter der Vereinigten Staaten, zunächst einmal zu vertrauen. Wenn aber Oswald allein der Täter war, und wenn ihn niemand gesteuert hat, dann muß die These von der Verschwörung des Hasses etwas von dem Gewicht verlieren, das ihr Habe zugestehen will. Viele seiner Beobachtungen sind richtig: Kennedy hatte mächtige Feinde. Aber es fragt sich, ob sie mit dem Mittel des Mordes einen politischen Umschwung in Amerika einleiten wollten. Das käme in der Tat einer Revolution gleich, und der Anfang vom Ende der amerikanischen Demokratie hätte sich angekündigt. Wenn die These von der Verschwörung des Hasses stimmt, dann wäre die amerikanische Politik tatsächlich zur amerikanischen Tragödie geworden. Aber wir dürfen zugunsten der Amerikaner bis auf weiteres annehmen, daß dem brillanten Romancier Hans Habe nur eine glänzende Reportage glückte, die nicht zuletzt deswegen so fasziniert, weil sie die Wirklichkeit fast, aber nicht ganz in den Blick bekam. Vielleicht finden wir hier auch den Grund, warum sonst politische Bücher die Leser nicht in Massen anzulocken pflegen. Die Historie der Historiker ist nicht so populär wie die Historie der Romane, denn sie lehrt uns, auf den Glauben zu verzichten, daß die Welt in Weiße und Schwarze, in Teufel und Engel zerfalle.