Die Zypern-Krise hat mit der Krise von Vietnam, der sie gleichsam auf dem Fuße folgte, nichts zu tun. Ein gemeinsamer Faktor freilich springt ins Auge: In beiden Fällen ist es so, daß die politische Phantasie vor der Aufgabe nahezu kapitulieren muß, eine gedeihliche Lösung zu finden.

Die Gefahr eines militärischen Konfliktes zwischen den beiden NATO-Mitgliedern Türkei und Griechenland ist für den Augenblick gebannt. Ankara ist dem Ersuchen des Weltsicherheitsrates nachgekommen, alle Angriffshandlungen einzustellen, und auch Präsident Makarios hat Waffenruhe für alle griechisch-zypriotischen Verbände auf der Insel angeordnet. Aber was ist damit gewonnen?

Leider besteht keine Hoffnung, daß Verhandlungen oder auch Beschlüsse der Vereinten Nationen den Ethnarchen, dessen Politik Maß und Sinn verloren hat, von seinem unseligen Weg abbringen könnte. Makarios hat in den letzten Monaten – getarnt hinter dem Schirm der UN-"Friedens"-Truppen – unter Bruch der Verfassung eine gnadenlose Unterdrückungs-, zuweilen sogar Ausrottungspolitik gegenüber der türkischen Minderheit getrieben (von fünf Zyprioten sind vier griechischer und einer türkischer Abstammung). Die "Blauhelme" der Vereinten Nationen waren weithin machtlos; ihrem Auftrag, Ruhe und Ordnung zu gewähren, stand das Gebot entgegen, den Willen der verfassungsmäßigen Regierung eines souveränen Staates (und das ist Zypern nun einmal) zu respektieren.

Makarios zur Vernunft zu bringen – dies also wird gewiß nicht gelingen. Aber ebenso gewiß wie Fanatismus und Verbohrtheit des zypriotischen Präsidenten ist die Entschlossenheit Ankaras, Sicherheit und Recht der türkischen Minorität zu erzwingen, notfalls wiederum mit Waffengewalt. Die erste "begrenzte Aktion" (ein Terminus, der aus der Vietnam-Krise vertraut ist) war ein Warnschuß. Falsch ist es zu glauben, die Türkei betreibe hier (wenn auch aus verständlichen Motiven) pure Machtpolitik. Vielmehr steht ihr nach dem 1959 auch noch von Griechenland und Großbritannien unterzeichneten Garantievertrag für Zypern das Interventionsrecht für den Fall zu, daß einer der Partner sich eines Vertragsbruches schuldig macht.

Kein Zweifel, daß dieser Tatbestand heute gegeben ist. Zwar hat die Türkei Anfang dieses Jahres, als die Vereinten Nationen sich anschickten, die Insel zu befrieden, vorläufig auf dieses Interventionsrecht verzichtet. Nach dem Fehlschlag der UNO-Aktion wird es aber niemand verübeln dürfen, wenn die Türkei ihre Rechte nun wieder selber ausüben will. Ismet Inönü, legendenumwobener Kriegsheld von einst und weiser Ministerpräsident von heute, hat Geduld und Mäßigung fast schon über Gebühr gezeigt. Sollte Makarios noch einmal Gelegenheit bekommen, ungezügelt auf der Insel zu walten, so wären eine neue Militäraktion und damit wohl auch ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland kaum zu verhindern.

Wenn aber die UN die Krise zwar für den Augenblick zu dämpfen, ihre Ursachen indes auf die Dauer nicht zu beseitigen vermag – bietet sich dann für die westliche Diplomatie überhaupt eine Chance, dem quälenden Zypernproblem beizukommen? Vielleicht liegt sie in dem britischen Vorschlag, so bald wie möglich die drei Garantiemächte sowie die Vereinigten Staaten, deren Sechste Flotte im Mittelmeer schließlich auch so etwas wie eine Schutzverpflichtung erfüllt, zu einer Konferenz einzuberufen. Verhandlungsgrundlage einer solchen Zusammenkunft könnte der Zypern-Plan Dean Achesons sein, der folgendes vorsieht:

1. Eine Union Zyperns mit Griechenland; 2. Abtretung einer griechischen Insel-Gruppe an die Türkei; 3. Errichtung einer türkischen Militärbasis auf einem griechischen Zypern; 4. Entschädigungen für türkische Zyprioten, die die Insel verlassen; 5. Bildung von zwei türkischen "Kantonen" auf Zypern unter türkisch-zypriotischer Verwaltung.