Im Olympiajahr treffen sich die Leichtathleten der Bundesrepublik zu ihren Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion. So war es 1952 vor Helsinki, 1956 vor Melbourne, 1960 vor Rom und jetzt 1964 vor Tokio. Als die vergleichenden Bilder der Journalisten noch pathetischer waren, hieß es mit militantem Unterton: Die große Heerschau. Heute schreibt man dafür mit allzu realistischem Unterton: Der Kampf um die Fahrkarten. Die Fahrkarten sind aber in Wirklichkeit Flugscheine, denn mit dem Sibirienexpreß wie weiland 1929 die erste sogenannte Leichtathletik-Expedition wird heute ja nicht mehr gen Osten ins Land der aufgehenden Sonne gefahren. Die Mannschaft fliegt mit Düsenmaschinen über den Nordpol. Die Mannschaft? Genauer wäre: die westdeutschen Mitglieder, die ostdeutschen fliegen nämlich der Zwei-Staaten-Theorie wegen für sich allein. Getrennt wird marschiert, vereint wird zwar geschlagen, getrennt werden aber wieder die Medaillen gezählt.

Den meisten Athleten geht es aber nicht um Fahrkarten oder Flugscheine, sondern um einen Platz in der gesamtdeutschen Olympiamannschaft. Dieser unerbittliche Kampf entbrennt aber erst am 23. August – wiederum im Olympiastadion in Berlin und eine Woche später dann in Jena. Viele der Aktiven jedoch streiten tatsächlich nur um die „Traumreise“, denn dank der merkwürdigen Konstellation dieser gesamtdeutschen Mannschaft fährt alles mit nach Tokio was Beine hat, da jede Seite möglichst viele Teilnehmer stellen will. Die Majorität entscheidet ja über den vielzitierten Missionschef, dessen Funktion der jeweils unterlegene Teil als die eines Briefträgers bezeichnet, während er in Wirklichkeit den inoffiziellen Mannschaftsführer spielen muß. Die deutsche Mannschaft wird also die größte aller anreisenden Teams sein. Der Tag der Wahrheit aber kommt in Japan. In Scharen scheiden dann die meisten schon in den Vorkämpfen aus.

Zieht man vorweg eine Bilanz dieser drei Tage von Berlin, die sich ohne großen Höhepunkt manchmal im Nieselregen grau und grau dahinschleppten, so herrschen die roten Zahlenvor. Medaillenchancen besitzen die Leichtathleten der Bundesrepublik nur im Zehnkampf, im Stabhochsprung sowie in den Staffeln. Wir haben diesmal keinen Armin Hary, keinen Carl Kaufmann und keinen Martin Lauer, die alle drei auch heute noch in der Weltrekordliste stellen. Seitdem ist kein deutscher Name mehr hinzugekommen.

Was wir aber haben sind gute Sprinter, gute Sprinterinnen und gute 400-Meter-Läufer,von denen aber vielleicht niemand in die olympischen Endläufe kommt. Wenn aber unsere Sprintstaffeln richtig aufgestellt und richtig eingespielt werden, kann es ebenso wie über 4X400 Meter zu einer Medaille reichen. In Berlin war sich Staffeltrainer Mühle zunächst noch nicht klar, wie die Besetzung in der 4X100-Meter-Staffel lauten soll. Nach altem Brauch können aber nur die vier ersten des 100-Meter-Laufes die Staffel formieren. Überlegungen wie diese: eine Ausscheidung müßte vor allem für Platz zwei bis vier über 110 Meter und nicht über 100 Meter erfolgen, der Sprint auf der Geraden sei ein anderer als in der Kurve, es gäbe nun einmal miserable „Wechsler“ und so weiter, sind müßig, wenn es um die reine Besetzung geht. Die vier Namen für die Sprintstaffel der Männer können nur lauten: Knickenberg, Roderfeld, Schumann und Obersiebrasse. Erst kommt die Gerechtigkeit im Sport und erst dann, wenn die Frage der Reihenfolge zur Debatte steht, können die taktischen Überlegungen einsetzen. Roderfeld am Start, Knickenberg, der neue 100-Meter-Meister, auf der ersten Geraden, Schumann in der zweiten Kurve und Obersiebrasse am Schluß, das wäre eine mögliche Aufstellung. Da Roderfeld leicht verletzt ist, springt Hebauf ein. Theoretisch könnte sie, nach dem alten Staffel-Einmaleins gerechnet, an 39 Sekunden herankommen. 10,3 plus 10,3 plus 10,4 plus 10,4 gleich 41,4. 41,4 minus 2,7 (Abzug für die drei fliegenden Wechsel) plus 0,4 (Zuschlag für die beiden Kurven) ist gleich 39,1 (durch den um 10 Meter verlängerten Wechselraum kann heute noch besser als früher wirklich mit fliegendem Start gewechselt werden). Der Weltrekord der Amerikaner in der 4×100-Meter-Staffel ist wohl der schlechteste aller Weltrekorde, weil die „Amis“ so schnell sind, daß sie sich gar nicht die Mühe machen, durch entsprechendes Wechseltraining einmal das Letzte herauszuholen. Nehmen wir an, die Amerikaner haben zwei 10,1 und zwei 10,2-Sprinter, und setzen wir die Zahlen wiederum in unsere Formel ein, so ergibt sich 40,6 minus 2,3 gleich 38,3. Ein „phänomenaler Weltrekord“, der gar nicht so phänomenal wäre, wie es den Anschein hat. Im Wechseltraining liegt also unsere Chance. Hoffen wir, daß sie genutzt und nicht weiterhin herumexperimentiert wird.

Für die 4X400-Meter-Staffel besteht ebenfalls eine Medaillenaussicht. Das gleiche Bild: kein überragender Star, aber vier Mann, die in der Staffel einen Durchschnitt von nur wenig über 46 Sekunden laufen können. Bei den Fachleuten ist die Meinung darüber geteilt, nach welchen taktischen Gesichtspunkten eine 4×400-Meter-Mannschaft aufgestellt werden soll. Ich würde dafür plädieren, den zweitbesten Mann an den Start und den besten an den Schluß zu stellen. Die Engländer laufen gern auf „Steigerung“ und verlangen damit ihren stärksten Leuten am Schluß das Letzte ab. Unsere 4X400-Meter-Staffel könnte in folgender Reihenfolge antreten: Kaifelder – Jüttner – Schmitt – Kinder.

Für die 4X100-Meter-Staffel der Damen wird die vierte Läuferin erst noch durch zwei Qualifikations-Rennen ermittelt. Für das Wechseltraining ist es natürlich ein Nachteil, daß nicht sofort Klarheit darüber geschaffen wurde, wer den vierten Platz besetzt. Über die Aufstellung von Frau Meyer-Rose, Fräulein Pollmann und Fräulein Pensberger gibt es sowieso keine Diskussion. Da der Zehnkampf, unser Prunkstück, das Erfolgstrainer Friede! Schirmer polierte, schon früher absolviert wurde, waren die 5,05 Meter von Reinhardt im Stabhochsprung die beste Einzelleistung der 64. Deutschen Meisterschaften. Der Leverkusener ist mit dem nötigen Selbstbewußtsein ausgestattet, das erfolgreiche Olympiakämpfer nun einmal brauchen. Keinem anderen Athleten außer den Zehnkämpfern können wir wie ihm eine Medaillenprognose stellen.

Ganz enttäuschend: die Langstreckler. Über 5000 Meter wurde dermaßen gebummelt, daß die Zuschauer zu pfeifen begannen, was bei den Leichtathleten noch zu den Raritäten gehört. Keiner dieser Bummelanten wird aber nach Tokio fahren, dafür werden schon die Kameraden von „drüben“ sorgen.