Ein Vierteljahr ist es jetzt her, daß der Westberliner Journalist Herbert König (er schrieb unter dem Namen Heinz Kersten) auf der Rückreise von Prag in Bad Schandau aus dem Zug geholt und abgeführt wurde. Fünf Tage später fand sich Ostberlin zu einer offiziellen Begründung bereit: Kersten sei ein "Gehlen-Agent". Den Beweis sind die DDR-Staatsanwälte bisher schuldig geblieben. Es ist nicht einmal bekannt, wie weit die Ermittlungen geführt haben, ob, wann und wie (öffentlich oder nicht) ein Prozeß stattfinden soll. Ja, man weiß nicht einmal, wo Karsten überhaupt in Haft gehalten wird. Behörden, die ermitteln, sind niemals redselig – vor allem dann nicht, wenn ein so schwerwiegender Fall geprüft werden soll. Aber diese vollständige Unsicherheit, dies totale Schweigen werden unerträglich.

Hinzu kommt, daß diese Verhaftung selbst für die SED widersinnig ist. Kersten gehört zu den Journalisten im Westen, an deren Einsicht Ostberlin appelliert und auf deren Urteil es sich sogar beruft. Noch acht Tage vor seiner Festnahme zitierte ihn das "Neue Deutschland" als einen der westdeutschen Kritiker, die die Literatur der DDR ernst nähmen. Kersten ist das Gegenteil von dem, was man gemeinhin einen "kalten Krieger" nennt. Er denkt nicht in den gewohnten Ost-West-Klischees, sondern differenziert.

Wenn es der SED darauf ankommt, daß von ihr und ihrem Wirken ein sachlicheres Bild im Westen entsteht, dann hat sie sich mit der Verhaftugn Kerstens selbst sehr geschadet. Seit drei Monaten haben die Unbelehrbaren, die an keinerlei Änderung glauben wollen, ein Argument mehr – ein Argument, das immer schwerer zu widerlegen sein wird, je länger das Schweigen über Kersten anhält. P. B.