Eure erste Aufgabe ist, schön zu sein", so beginntder amerikanische Gelehrte William McDougall das Kapitel seiner praktischen Psychologie, welches sich "an die Mädchen" wendet. "Ihr seid die sichtbare Verkörperung des Ideals der Menschheit, der Dreiheit des Guten, Wahren und Schönen, die alle Menschen verehren und erstreben. Eure äußere Schönheit ist Zeichen und Symbol all dessen, was das Leben lebenswert macht."

Solange Männer ihrem Wesen treu bleiben, sozusagen Manns genug sind, sind sie auch bereit, das Schöne rückhaltlos zu verehren und somit einer Frau ritterlich zu begegnen, ja, vor ihr – wie einst – in die Knie zu gehen, selbst wenn sie aufrecht stehen bleiben, wie die Konvention es fordert. Dennoch will die Klage der Frauen gegenwärtig nicht verstummen, daß es unter den Männern keine Tugenden mehr gebe, die ritterlich genannt werden könnten, und so sei auch die Kunst des aufmerksamen Werbens, der diskreten Huldigung und der behutsamen Zärtlichkeit längst erstorben. Dabei könne doch niemand leugnen, daß sie einige Mühe darauf verwendeten, schön zu sein, wie es ihrer Natur und ihrer Bestimmung entspreche. Und so seien sie doch auch bereit, der Sehnsucht des Mannes zu genügen, selbst wenn es ihrem Empfinden, dem natürlichen, zuwiderlaufe. Als grobschlächtige Tölpel erscheinen einem die Männer unserer Tage, hört man einmal Frauen zu, als habgierige Buben oder als empfindungslose Zyniker, die allesamt keinen Sinn für das Schöne haben, nämlich weder das differenzierte Empfinden einer Frau zu verstehen noch deren verletzliches Wesen zu schützen bereit sind.

Nun gibt eine Anzahl von Beobachtungen Anlaß genug, einmal zu fragen, ob es allemal nur die Männer sind, die ihr Wesen verleugnen, so daß sie darüber sozusagen zu Hampelmännern werden. Sie legen einem die Vermutung nahe, daß manche Frau nicht mehr versteht schön zu sein, also nicht begreift, daß damit – wie William McDougall meint – eine Aufgabe bezeichnet ist. Vielmehr scheinen sie zu glauben, Schönheit sei so etwas wie eine Mitgift der Natur, die sich von selbst entfalte und allenfalls ein wenig der Pflege und Korrektur bedürfe, das Make-up zum Beispiel, um zu verbürgen, "was das Leben lebenswert macht".

Es ist stets eine höchst schmerzliche Erfahrung, wenn, ein Mann beobachten muß, daß sich Schönheit selbst zerstört, so daß sich die "äußere Erscheinung", die ihn entzückt oder gar erbeben läßt, als Larve enthüllt:

Mit respektablen Begleitern sitzen sie am Nebentisch in einer Bar, zwei junge Frauen, betörend in jener Jugend, über der schon der Schimmer kommender Reife liegt, hinreißend anzuschauen, so daß einen abwechselnd Schwermut und die Freude darüber überkommt, daß es so etwas auf diesem Planeten gibt. Es ist unvermeidlich zu vernehmen, was sie miteinander reden. Und nun beginnen sie zu "lästern", nämlich über ein Paar "herzuziehen", das in vollendeten Formen, aber doch so auf der kleinen Tanzfläche tanzt, daß nicht verborgen bleiben kann, wie die beiden einander zugetan sind. Das Raffinement populärer Psychologie, mit der jeder Bewegung des Paares kommentiert wird, läßt keinen Wunsch offen, und so auch nicht die Ironie, die das selbstvergessene Lächeln der Dame quittiert. Pure Bosheit ist es nun, welche die Gesichter zeichnet, die eben noch von heiterer Erwartung belebt waren, und das hämische Vergnügen jener, die im sicheren Port sitzen. Erschrocken fragt man sich, woher solche Kälte rühre. Einer der beiden Männer mahnt schließlich, sie möchten doch großherziger, ja, milder von Mitmenschen denken. Da fährt die eine entrüstet auf: "Was willst du denn? Du mußt mich schon so nehmen, wie ich bin."

Solcher Beobachtungen gibt es viele: Sie beschreiben das ganze Rund von verborgener Quälsucht bis zu jener Kälte, in der es scheint, als erweise eine Frau eine Gnade, wenn sie lieb sei, von Gedankenlosigkeit bis zu einer Vergeßlichkeit, die nur noch als abenteuerlich bezeichnet werden kann. Jedoch ist wohl schon deutlich:

Dem Mann hat die bloße Natur, auf die sich manche Frauen als ihr Wesen zu berufen pflegen, nie genügt, und so auch nicht die Liebe. Beide sind auf mehr aus als auf jene Mitgift. Verehrung und Liebe, welche die Frauen heute vielfach vermissen, ziehen neben dem augenblicklichen Sosein stets die Möglichkeiten ein, die jedes Menschenwesen in sich birgt. Das heißt: Sie nehmen jene Mitgift der Natur gleichsam nur als Material, aus dem so etwas wie Schönheit erst herausgearbeitet werden muß, durch lange Selbsterziehung, durch Phantasie und durch Sympathie, Sympathie also, was so viel heißt wie Mit-leiden, in das auch Mit-denken eingeschlossen ist. So ist in jedem Manne das Verlangen lebendig, in dem geliebten Du eine Idealgestalt zu sehen, die Sehnsucht dazu, es möge sich diesem Bilde nähern, und das heißt nichts anderes als dies: die in ihm angelegten Möglichkeiten – ermutigt durch das Ja-sagen seiner Zuneigung – zu verwirklichen. Wahrhaft schön und damit der Verehrung, ja, der Liebe würdig ist die Frau für den Mann erst dann, wenn sie sich zum Mitdenken, zu Verständnis und Güte, zu aufmerksamer Fürsorge, zu Hingabe erzogen hat, falls diese Gaben nicht angeboren sind. Einer solchen Schönheit mißt er dann auch Macht zu: "Ihr habt die höchsten Belohnungen zu vergeben, und es ist eure Aufgabe, in diesem Tal der Tränen die Tränen weniger herb und das Lächeln süßer zu machen. Das Lächeln einer schönen Frau ist das Mächtigste in der Welt, im Schöpferischen wie im Zerstörerischen."