Von Ludwig Marcuse

Popularisatoren sind (dem Wortklang nach) Dienstleute, minderen Grades. Sie schneiden den Kunden die großen Happen klein; und es gibt wirklich nicht wenige, die verkleinern. Die besten (Aldous Huxley, Bertrand Russell) vermitteln, indem sie Bedeutendes aus der Isolierung befreien.

Simone de Beauvoir ist nicht eine arme Anverwandte, die vom Tische des Reichen lebt. Sie entstruppt Sartre, der mehr Ideen hat als er organisieren kann, in ihrer sehr nützlichen Sartre-Fibel; zum Beispiel in dem längsten der drei Essays ("Pour une morale de l’ambiguité"), die jetzt auch deutsch erschienen sind, in dem Band

Simone de Beauvoir: "Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus"; Szczesny Verlag, München; 300 S., 19,80 DM.

Sachs-Villatte übersetzt ambiguite mit Doppelsinn, der deutsche Übersetzer sagt wenig schön: "Doppelsinnigkeit." Gemeint ist aber nicht nur ein unverträgliches und nicht aufzuhebendes Zusammen von Freiheit und Unfreiheit, auch eine Reihe von skandalösen Paradoxen; der Titel wendet sich gegen jede Moral, deren Rechnung glatt aufgeht.

Der hundertjährige Existentialismus, gern veralbert als eine betagte und reichlich lächerlich gewordene Mode, ist am besten zu befreien vor dem Hintergrund der deutsch-idealistischen Freiheit, die immer noch vage im Vordergrund ihr Wesen treibt: als freiwilliges Einverständnis mit dem Grundgesetz des Menschen oder mit der Mission der lebenden Epoche. Nachdem dies Grundgesetz ebenso fragwürdig geworden war wie die Forderung der Weltstunde, in der wir leben, entstand der Existentialismus; und fragte sehr konkret nach der Freiheit des einzelnen, an den man näher herankann als an die Menschheit oder den Zeitpunkt.

Die Beauvoirsche Spezies der Existentialisten ist (bei allem Flirten mit der Sowjetunion) im Alltag nicht nur antisowjetisch, auch antimarxistisch. Sie sagen: das erste Opfer, das dem Sowjetbürger auferlegt wird, ist "zugunsten einer Befreiung des Menschen auf seine eigene Freiheit zu verzichten, sogar im Denken".