Der in Amerika momentan sehr populäre Schlager "Hallo, Dolly" – Hauptstück eines Broadway-Musicals gleichen Titels – ist "zweckentfremdet" worden. Denn "Hallo, Barry!" singen die Anhänger Goldwaters auf die gleiche Melodie. Daß dies keineswegs nach dem Geschmack des Komponisten Yarry Hermann ist, geht schon daraus hervor, daß er von der Parteileitung der Republikaner eine runde Million Dollar Schadenersatz verlangt hat. Zugleich aber ist er einen Schritt weiter gegangen: Sein neuester Schlager heißt "Hallo, Lyndon!" und ist dem Präsidenten Johnson gewidmet.

Dieser Fall – ist er mehr komisch oder mehr beispielhaft?

Daß Wahlkampagnen zuweilen lächerliche Formen annehmen, ist neuerdings oft beobachtet worden – nicht nur in Amerika. Der "Rummel" gehört halt dazu: Aufmärsche, Kabarett-Veranstaltungen. Wo Argumente nicht "ziehen", hilft vielleicht auch ein flotter Chorgesang den Wählern auf die Sprünge zur Urne. Warum nicht ein Schlager?

Soweit herrscht Klarheit; soweit besteht auch sicherlich kein Grund, daß ein Schlager-Komponist sich geschädigt fühlen könnte. Es sei denn, daß er fürchte, wenn der heitere Mädchenname "Dolly" gegen den des radikalen Politikers "Barry" ausgewechselt würde, könne dies der weiteren tantiemepflichtigen Verbreitung seiner. Melodie im Wege stehen. Vielleicht ist dies sogar der Fall. Nun, dann müssen die Republikaner blechen.

Aber hier geht es offensichtlich um mehr. Es geht um Überzeugung. Und in diesem Augenblick wird die Sache beispielhaft. Nicht nur wehrt der "Dolly"-Komponist sich dagegen, ein "Barry"-Komponist zu sein. Er bleibt nicht in der Verteidigung; er geht in Aktion. Er wird zum "Lyndon"-Komponisten. (Und weiß doch vermutlich genau, daß der Name "Dolly" immer noch besser "zieht" als alle anderen.)

Nicht nur handelt es sich bei diesem Komponisten um einen Anhänger der Demokratischen Partei in Amerika, sondern auch um einen Demokraten "an sich". Ein Demokrat aber ist ein Mensch, der den politischen Wellen nicht einfach ihren Lauf läßt, sondern, sobald er spürt, daß er. ein gewisses persönliches Gewicht besitzt, bereit ist, dies auch einzusetzen, egal, ob es groß oder klein, pathetisch oder kurios ist. Beethoven zerriß das Widmungsblatt der "Eroica", die Napoleon galt, als er vernehmen mußte, daß dieser sich zum Kaiser gemacht hatte. "Wie lächerlich", sagten gewisse Leute, und sie sind nicht einmal dumm, denn sie wissen: Symphonie bleibt Symphonie! Andere aber sagten: "Hallo, Beethoven!"

Schlager bleibt Schlager – vergängliche Ware. Um so mehr verdient der Entschluß jenes amerikanischen Jazz-Mannes festgehalten zu werden: Was "Hallo, Dolly!" hieß, soll nicht als "Hallo, Barry" dienen ...

Hallo, Yarry!