Nach den Schüssen von Tongking: Gedanken an eine politische Lösung

Von Joachim Schwelien

Washington‚ im August

Als im Frühjahr 1954 die nordvietnamesischen Kommunisten unter General Giap gegen die französische Festung Dien Bien Phu stürmten, erwog Außenminister Dulles, den Eingeschlossenen mit der amerikanischen Luftwaffe und eventuell mit Atombomben zur Hilfe zu eilen. Hinter dieser Absicht stand die strategische Doktrin der massiven Vergeltung, die zweifellos zur Anwendung hätte gelangen müssen, wenn man die Franzosen tatsächlich hätte heraushauen und die Intervention der Chinesischen Volksrepublik und der Sowjetunion hätte auffangen wollen.

Stalin war damals erst seit einem Jahr tot. Die amerikanische Regierung hatte noch keine Erfahrung mit seinen um die Macht ringenden Nachfolgern, und der kalte Krieg war noch im vollen Gange. So unterblieb die von Dulles ins Auge gefaßte Gratwanderung, die legendäre brinkmanship – das Wandeln am Rande des Abgrunds –, wo sich Krieg und Frieden begegnen. Die Verbündeten Amerikas und viele Kongreßführer waren nicht bereit, weil die Konsequenzen zu unübersehbar erschienen.

Präventive "brinkmanship"

Der Vergeltungsschlag, den Präsident Johnson jetzt zehn Jahre später von der amerikanischen Luftwaffe auf nordvietnamesische Marineanlagen führen ließ, ist mancherorts als die späte Praktizierung jenes Grundsatzes der brinkmanship verstanden worden, den Dulles formuliert, aber nie angewandt hatte. Diese Schlußfolgerung ist falsch.