HAMBURG (Galerie Commeter):

"Frans Masereel"

Neue Holzschnitte von Frans Masereel, ein ganzer Zyklus, 80 Blätter: "Das Gesicht Hamburgs." Neue Holzschnitte? Sie sind im letzten Jahr entstanden, aber sie könnten auch aus den zwanziger Jahren stammen, aus Masereels. großer Zeit, als seine Holzschnitte, seine Zyklen, seine "Geschichten ohne Worte" und Romane in Bildern einen phänomenalen Erfolg hatten; phänomenal schon deshalb, weil seine Kunst jedermann verständlich war, weil sie das breite Publikum genauso faszinierte wie die geistige Elite. über keinen zeitgenössischen Künstler haben sich so viele und so bedeutende deutsche Schriftsteller so enthusiastisch geäußert. Thomas Mann, Hermann Hesse, Stefan Zweig haben ihn als Kameraden betrachtet und seine Bücher – "Die Idee", "Die Stadt", "Mein Stundenbuch" – mit überschwänglichen Vorworten eingeleitet. Was ihnen so sehr einleuchtete, war weniger die formale Seite, die handwerkliche Solidität und der kühne Versuch, den erzählfreudigen Bilderbuchstil alter Holzschnittmeister mit dem zeitgenössischen Expressionismus zu kombinieren, sondern die Gesinnung, die sich in den Blättern manifestierte, die Humanität, das "voraussefzungslos Menschliche" (Thomas Mann), ihr Engagement für den sozialen und politischen Fortschritt, die leidenschaftliche Parteinahme gegen den Krieg, gegen die Unfreiheit, gegen die Reaktion. Masereel 1964: das ist noch immer der gleiche Mann, die gleiche Handschrift. Spurlos sind die zwischenzeitlichen Revolutionen in der Kunst an ihm vorübergegangen, und der Betrachter muß sich darüber klarwerden, ob er das als Treue zu sich selbst bewundern oder als Immobilität beklagen soll. Die neuen Blätter sind – inhaltlich – allerdings um eine Nuance realistischer: "Die Stadt", von 1925 war imaginär, Quintessenz aus vielen Weltstädten, Paris, London, New York. Der neue Zyklus schildert "Das Gesicht Hamburgs". Aber auch die konkrete Stadt, auch die typischen Hamburg-Motive, Michel, Alster, Lombardsbrücke, Reeperbahn und immer wieder der Hafen bilden nur die Folie, die Kulisse für die menschliche Szenerie, die jetzt freilich gelassener, harmloser, ohne revolutionäre Anklage dargeboten wird. Die Schauerleute und die Liebespaare, Schwäne fütternde Spaziergänger und Strip-Tease-Touristen werden wie die Kräne, die Fleetspeicher, Kirchtürme und moderne Fassaden lapidar und ornamental ins Bild gesetzt. Der kantige harte Duktus der Linie ist unverändert, aber er offenbart, daß auch schon der frühe Masereel eine ganz unrealistische, ein romantische Konzeption von der Großstadt, von der Gegenwart, von den Menschen hatte. Die Hamburger Ausstellung wurde zu Masereels 75. Geburtstag veranstaltet, sie dauert bis Ende August.

MÜNCHEN (Galerie Günther Franke):

"Hermann Teuber"

Zu Teubers 70. Geburtstag bringt Günther Franke eine Kollektivausstellung mit 52 Bildern aus den Jahren 1931 bis 1964. Daß Werner Haftmann im Katalog die Laudatio auf seinen alten Freund verfaßte, wird manchen, der Haftmann und Teuber kennt, etwas verwundern. Nicht einmal in seinen Anfängen ist Teuber aktuell, geschweige denn avantgardistisch gewesen. Er kommt aus der Hofer-Schule, war bis 1960 Professor an der Berliner Hochschule, ist eines der ältesten Mitglieder im Deutschen Künstlerbund und hat, ohne Rücksicht auf zeitgenössische Tendenzen, nie etwas anderes getan, als seinen Stil, seine ganz ungewöhnliche Delikatesse, das gedämpfte Zusammenspiel farbiger Valeurs zu kultivieren. Heftmann rühmt seinen Lyrismus, die Nachbarschaft zur pittura metafisica. Neben dieser poetischen oder gar metaphysischen Komponente verfügt Teuber jedoch über eine sympathisch trockene Prosa, mit einem entschieden humorvollen Einschlag, Seine Figurationen sind originell und skurril arrangiert, wobei häufig durch Massierung der gleichen Objekte – Eulen im Speicher, Frösche auf der Wiese, Römische Nonnen – die reale Szene als surreale Groteske paraphrasiert wird. Gerade die Bilder aus den nachprofessoralen Jahren überraschen durch ein souveränes Manipulieren mit den realen Objekten. Bis Ende August. g. s.