Von Stefan Heym

Das repräsentative Film-Festival des Ostblocks fand in diesem Jahre in Karlsbad statt. Wir haben von Karlsbadnoch nicht ausführlich berichtet, weil die dort gezeigten Filme auf anderen Festivals schon zu sehen waren oder zu sehen seit werden. Um so lieber drucken wir heute eine Rede Stefan Heyms, die er in Karlsbad im Rahmen einer dort veranstalteten "Freien Tribüne" am 16. Juli gehalten hat. Der Schriftsteller Stefan Heym wurde 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte 1933 über die Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten, kehrte 1945 als amerikanischer Staatsbürger und Offizier der US-Armee nach Deutschland zurück und wurde Mitbegründer der "Neuen Zeitung" in München. Als McCarthy und der "Ausschuß gegen unamerikanische Umtriebe" in Amerika die linken Schriftsteller und Künstler zu verfolgen begannen, gab Heym seine amerikanische Staatsbürgerschaft wieder auf und siedelte in die DDR über. Seitdem lebt er in Ostberlin. Heym ist Mitglied der SED und Nationalpreisträger. Zusammen mit Peter Huchel, Harald Hauser, Stephan Hermlin und Peter Hacks schied er 1963 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Schon 1956 war Heyn als Kritiker der stalinistischen Kunstdoktrin hervorgetreten. In der Bundesrepublik ist er vor allem durch seinen 1955 im Paul List Verlag erschienenen Kriegsroman "Der bittere Lorbeer" bekannt geworden. Danach veröffentlichte er "Schatten und Licht" und einen der Revolution von 1848 gewidmeten Roman "Die Papiere des Andreas Lenz". Ein Roman über den 17. Juni blieb ungedruckt. Was Heym in seiner Rede über "Sozialistischen Realismus" und die Arbeit eines Schriftstellers in der DDR gesagt hat, hat wenig gemein mit den Phrasen, die hüben und drüben gewöhnlich zu diesem Thema geäußert werden, auch deshalb wollen wir sie gern ungekürzt in der Bundesrepublik publizieren.

Gestatten Sie mir, vorauszuschicken, daß ich kein Filmkünstler oder Filmkritiker bin, sondern Romancier. Ich wurde vom tschechoslowakischen Festivalkomitee eingeladen, dem ich hier meinen Dank aussprechen möchte für die schöne Gelegenheit, mit so vielen schöpferischen Menschen aus so vielen Ländern zusammenzutreffen und so viele interessante Werke der Filmkunst sehen zu können.

Aber natürlich sind die Aufgaben und Probleme des Erzählers nicht so sehr verschieden von denen des Szenaristen oder des Filmregisseurs. In jedem Roman, jeder Novelle, liegen Handlungs- und Dialogelemente, die zur Verfilmung Anlaß sein könnten; umgekehrt beeinflussen die Formen des Films auch die Technik und Methode der erzählenden Kunst.

Vielleicht darf ich darum ein paar Gedanken zur Diskussion beitragen. Vor einigen Monaten forderte mich die amerikanische Zeitschrift Atlantic Monthly auf, einen Artikel zu schreiben mit dem Thema, warum ich mich in der Deutschen Demokratischen Republik, also im Sozialismus, niedergelassen habe und warum, ich zitiere Englisch, living in the German Democratic Republic is conducive to writing, warum also es für die literarische Arbeit nützlich und anregend sei, in der Deutschen Demokratischen Republik zu leben.

Jeder, der die Verhältnisse und Konflikte kennt, die heute das Geschehen in der Welt bestimmen, weiß, daß die Aufforderung der Redaktion eine ganze Anzahl von Fällen enthielt – it was boobytrapped, wie man so sagt. Ich nahm den Auftrag dennoch an – vor allem, weil er mich zwang, mir selbst einmal über diese Frage klarzuwerden.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich den umgekehrten Weg gegangen wie Elia Kazans Filmheld. Darum hat mich sein Film "America, America" so sehr berührt. Ich habe einst dieselben Gefühle gehabt wie der junge Stavros, als ich zum ersten Male Manhattan in der Ferne sah – hinter mir das Deutschland der Unterdrückung und der Nazis und der Konzentrationslager. Und dann, nachdem ich für die Demokratie und die Freiheit und die Gerechtigkeit als amerikanischer Soldat und Offizier gekämpft hatte, kehrte ich, immer noch auf der Suche nach Demokratie und Freiheit und Gerechtigkeit, dem Amerika McCarthys den Rücken und kam in die DDR. Darum, weil ich das alles erlebt und durchgekämpft habe, ist meine Meinung über den Kazan-Film, daß seine Botschaft richtig ist für 1905, nicht aber für heute. Seit dem Oktober 1917 liegt die Hoffnung der Menschheit, der große Stern, auf den sich unser Auge richtet, nicht mehr in Amerika, sondern anderswo.