Mit Gummiknüppeln auf Ganovenjagd – Seite 1

Von Nina Grunenberg

Köln

Es war ein Freitag. Die Nacht war dunkel, die Uhr schlug zehn, die Bürger legten sich zur Ruhe – da stießen 28 mutige Männer ins Horn, um der Kölner Unterwelt den Garaus zu machen. Sie formierten sich in Gruppen zu dreien, verteilten sechs Sprechfunkgeräte und einige Gummiknüppel unter sich. Acht von ihnen waren mit Judokenntnissen ausgestattet und der Rest allein mit Bürgersinn. Dann pirschten sie sich durch das Kölner Unterholz, gemäß Paragraph drei ihrer Satzung: "Zweck des Vereins ist die Anregung und Förderung von Maßnahmen zur Gewährleistung des Schutzes des friedlichen Bürgers vor Straftaten, insbesondere Gewaltverbrechen."

Wie die 28 die Gewaltverbrechen verhindern wollten, die Köln mittlerweile den Ruf eines "Klein-Chikago" eingetragen haben, das fragten sich die Reporter vergebens, die sich zwei Stunden vor Mitternacht auf dem Neumarkt eingefunden hatten, um den Bürgerschützen "Weidmannsheil" zuzurufen und "letzte Worte" zu notieren. Sie sahen jedoch nur den 28jährigen Vereinsvorsitzenden Hans Franzen, bei Tage freier Werbekaufmann, und seine beiden Begleiter, den 44jährigen Volksschullehrer Hans Ernst Brasch und den 29jährigen Kunstmaler Heinz Hansen. Der Rest des "Gummiknüppelgeschwaders" blieb unsichtbar. Schweigsam posierten die drei, Franzen mit dem Sprechfunkgerät am Ohr, für ein Pressebild. Dann verschwanden auch sie in einer dunklen Gasse, wobei sie mit Geschick alle Verfolger von ihren Fersen schüttelten. Allzu große Popularität, so hatten sie gefürchtet, könnte Gegenmaßnahmen der Unterwelt herausfordern.

Die Bürgerschützer liefen bis morgens um ein halb vier Uhr durch Köln. Am nächsten Tage meldeten sie, größere Mengen Ganoven seien ihnen nicht unter die Augen gekommen. Die Gruppe Franzen stöberte lediglich zwei Homosexuelle auf einer Bank in den Grünanlagen an der Universität auf. Die Männer funkten das Vorkommnis zu ihrer Verbindungsgruppe, die in der Nähe einer Polizeirufsäule patrouillierte. Doch als die Gruppe Franzen das nächstemal an der Bank vorbeimarschierte, hatten die beiden Männer bereits das Weite gesucht. "Wahrscheinlich wußten sie, wer wir waren", meinte Franzen trocken. Auch die anderen Gruppen meldeten "keine besonderen Vorkommnisse": Eine von ihnen war in Köln-Riehl von zwei Frauen um Geleitschutz gebeten worden, eine andere hatten einen Betrunkenen nach Hause gebracht, der an der Haustür, so meldete Franzen, schon wieder nüchtern war. "Es war eine ruhige Nacht", meinte der Vereinsvorsitzende. Einer von seinen Bürgerschützern hatte sich bereits um Mitternacht wieder ins Bett gelegt.

So ruhig sind die Kölner Nächte sonst nicht. In diesem Jahr wurde hier bereits zwanzigmal gemordet und totgeschlagen, doppelt soviel wie im ganzen Jahr 1962. Täglich berichten die Lokalzeitungen von Dirnen, Dieben, Zuhältern, Raufbolden, Pennbrüdern, Zechprellern und Einbrechern. Warum sich die Unterwelt von der Rheinmetropole so magisch angezogen fühlt, dafür haben die Kölner viele Erklärungen, aber noch keine Lösung. Sie nennen ihre Stadt gern das "Verkehrskreuz des Westens". Gemessen an der Zahl der Fernzüge, hat Köln den größten Bahnhof Europas. Die Stadt hat die meisten Rheinbrücken und nach Duisburg den zweitgrößten Rheinhafen. Die Spitzbuben können zu Wasser und zu Lande nach Köln kommen. Sie können auf dem Flughafen landen, über vier Autobahnen oder sieben Bundesstraßen kommen, um dann in einer City unterzutauchen, die nach Quadratmetern gemessen die zweitgrößte Europas sein soll. Köln hat obendrein 30 000 Gastarbeiter und ist bevorzugtes Asyl einiger algerischer Geheimbünde, deren Mitglieder sich gegenseitig nach dem Leben trachten.

Beeindruckt von solchen Tatsachen, können selbst die Stadtväter nur noch staunen, wenn sie nach ihren Ganoven gefragt werden. "Und da wundert sich noch jemand?" fragen sie gelassen. Nun haben die Kölner, durch zweitausendjährige Erfahrung gestählt, nicht nur ein positives Verhältnis zu den kleinen Strolchen und Dirnen, sondern auch die spezielle Begabung, über ausgesprochene Härtefälle hinwegzusehen. Zwanzig Mörder in diesem Jahr? "Das ist traurig, aber so ist das Leben", meinte ein alter Kölner philosophisch auf die inständige Frage, wie er sich das erklären könne.

Mit Gummiknüppeln auf Ganovenjagd – Seite 2

Diese Trägheit rief die Bürgerschützen auf den Plan. "Wir mußten feststellen, daß die Polizei machtlos war", meint Hans Franzen. "Sie stellen Statistiken auf, wie die Verbrechen ’raufgehen, mich interessiert, daß sie ’runtergehen." Franzens Initiative wurde jedoch ohne Begeisterung aufgenommen, und manche fragen sich sogar, was wohl dahinterstecken mag. Der junge Mann mit dem Schnauzbärtchen ist Mitglied der Deutschen Freiheitspartei, die gemeinhin als rechtsradikal bezeichnet wird, von der Franzen jedoch sagt: "Wir stehen links oder rechts oder in der Mitte, wie es drauf ankommt." Außerdem gehört er dem Verein zur Wiedereinführung der Todesstrafe an, dessen Begründer, der Kölner Rechtsanwalt Dr. Günther Krauss, ebenfalls zu den Bürgerschützen zählt.

Der Bürgerschutzverein, der am 11. Mai dieses Jahres gegründet wurde, hat nach Franzens Angaben heute 120 Mitglieder, die einen Beitrag von mindestens einer Mark im Monat zahlen. "Ehrenmitglieder", so heißt es in der Satzung, "sollen Menschen werden, die durch schwere Verbrechen verletzt sind." Der Vorsitzende erläutert: "Dazu gehören zum Beispiel Eltern, deren Tochter angefallen worden ist, oder Frauen, die sexuell mißhandelt wurden."

Bei der bunten Palette Kölner Verbrechen verwundert es ein wenig, daß sich Bürgerschützer Franzen vor allem um angefallene Mädchen Sorgen macht. "Da rief uns ein Mann an, dessen Braut man sich im Park zweimal unsittlich genähert hat. Wir haben sie dann beim nächstenmal begleitet. Leider war kein Sittenstrolch da."

Persönliche Erfahrungen bei der Verbrechensbekämpfung brachte der Zweite Vorsitzende des Vereins mit, der Volksschullehrer Brasch. Er soll der Kölner Unterwelt schon einige Male ins schillernde Auge geblickt und sogar einen Gangsterring ausgehoben haben. Zu den übrigen Mitgliedern gehören nach Auskunft Franzens vier Rechtsanwälte, ein Oberstleutnant, zwei Majore, ein Oberleutnant und ein Feldwebel.

"Leute, macht keinen Blödsinn", warnte Oberbürgermeister Burauen die Bürgerschützer, als sie bei ihm vorstellig wurden. CDU-Ratsherr Heinrich Lohmer macht sich indessen Gedanken: "Was passiert denn, wenn Bürgerschützen Franzen von Gangster Müller eins über den Kopf bekommt?" Franzen und seine Mitglieder versichern, daß sie sich über diese Gefahr im klaren seien. Weniger Klarheit herrscht freilich darüber, wie sie einen Verbrecher, wenn er ihnen über den Weg läuft, tatsächlich fassen können. Stadtvater Lohmer überlegt: "Was können sie tun. Denken wir mal, Herr Franzen trifft einen Mann, der ohne Hose ’rumläuft. Was macht er, wenn der Mann wegläuft? Und wie kann die Polizei im Ernstfall unterscheiden, wer Bürgerschützen und wer Verbrecher ist? Wir Mitglieder des Stadtparlaments und des Polizeirats sind uns unserer Aufgabe sehr wohl bewußt. Wir treten hartnäckig beim Innenminister für eine weitere Verstärkung der Kölner Polizei ein. Einen auf eigene Faust mit eigenen Gummiknüppeln gegründeten Bürgerschutz, der in fremden Stadtvierteln patrouilliert, lehne ich ab." Auch Innenminister Weyer lehnte ab: "Es kann zu Mißbräuchen kommen."

Die Bürgerschützen sind jedoch noch nicht entmutigt. In der vergangenen Woche fiel ihre Patrouille zwar aus, aber: "Demnächst gehen wir wieder. Wir wollen ja nur demonstrativ wirken."