Moral und Steuermoral sind zweierlei." Das stellte Günter Schmölders, heute finanzwissenschaftlicher Ordinarius der Kölner Universität, bereits 1932 in seinem Habilitationsvortrag über "Steuermoral und Steuerbelastung" fest. Die Sache mit der doppelten Moral hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen.

"Die allgemeinen Moralbegriffe werden von einer großen Mehrheit unserer Zeitgenossen auf steuerliche Dinge nicht angewendet. Selbst der treueste, ehrlichste und biederste Kleinkaufmann ist gelegentlich geneigt, moralisch ein Auge zuzudrücken, wenn es darum geht, dem Finanzamt ein Schnippchen zu schlagen. Weite Kreise der Bevölkerung empfinden es nicht als Betrug, Steuern zu hinterziehen. Der Gesetzgeber hat aus diesen Erkenntnissen immer noch nicht die längst fälligen Konsequenzen gezogen."

Drosseln und Spatzen beleben in gemischtem Chor den hochsommerlichen Schmölderschen Garten an der Kölner Geibelstraße, während der Professor auf der Veranda in einem Liegestuhl ruht – erschöpft von Vorlesungen in unklimatisierten Räumen, die von 600 Studenten bevölkert sind und deren Fenster sich nicht öffnen lassen.

"Wenn Sie über meine Verhaltensforschung berichten", sagt er, "modellieren Sie mich bitte nicht als so etwas wie den Arzt der deutschen Steuermoral. Mir ist der Zustand der deutschen Steuermoral ziemlich egal. Mir geht es ausschließlich um eines: darauf hinzuwirken, daß die Steuergesetze geändert werden, und zwar so, daß sie endlich einmal von den Realitäten ausgehen und nicht mehr so tun, als seien wir alle Ameisen. Es ist mir unbegreiflich, daß sich bei uns immer noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß die Gesetze den Menschen auf den Leib geschneidert werden müssen. Statt dessen formt man zunächst ein bestimmtes Gesetzesmodell und verlangt dann, daß die Menschen sich diesem Modell anpassen. Genauso sind die Prinzipien in den Staaten des Ostens! Und was die Steuergesetze anbelangt: die Ergebnisse unserer Untersuchungen über die Steuermoral sollten für den Gesetzgeber Anlaß genug sein, wenigstens einmal anzustreben, die Versuchung zur Unehrlichkeit (beispielsweise bei den Angaben über die Höhe der Betriebsausgaben) zu eliminieren. Der Mensch ist nun einmal kein homo libenter contribuens, sondern ein homo egocentricus. Und bei den Steuern ist er weit mehr homo oeconomicus in puncto Verbrauchsausgaben, als gerade die Wirtschaftstheorie es wahrhaben will."

Es möge dahingestellt bleiben, ob es tatsächlich ein Zeichen für wirtschaftlich kluges Verhalten ist, wenn ein Staatsbürger dem Bund, seinem Land oder seiner Gemeinde gesetzeswidrig einen Teil der ihnen zustehenden Abgaben vorenthält. Günter Schmölders, dem die Verhaltensforschung zu einer Lebensaufgabe geworden ist, pflegt sich im allgemeinen einer moralischen Bewertung der Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Untersuchungen zu enthalten. Ihm geht es vor allem darum, die Nationalökonomie, die bei ihm Sozialökonomik heißt, durch einen Vorstoß in neue Gebiete aus dem Stadium der Unfruchtbarkeit herauszuführen. "Es ist notwendig, die Sozialökonomik, die ja vielfach lediglich als mathematisches Puzzlespiel betrieben wird, zu einer empirischen Wissenschaft zu machen, mit der praktisch etwas anzufangen ist."

Es genügt ihm nicht, die Wirtschaftswissenschaft zu begreifen als die Wissenschaft von den Geld- und Warenbewegungen und von den Treffpunkten dieser Bewegungen, den Märkten. Es reicht nicht einmal aus, gedanklich zu ergründen, was diese Geld- und Warenbewegungen hervorruft, welche Verhaltensweisen, welche Motive der Menschen dahinterstecken. Um das menschliche Verhalten wirklich zu erkennen und zu erforschen, bedarf es – laut Schmölders – nicht nur eines Gedanken-, eines Theoriengebäudes, sondern es bedarf der Kontrolle und Sinngebung dieser Theorien durch einen Sprung mitten unter die lebendigen Menschen. Ihnen aufs Maul zu schauen, ist für Schmölders die Voraussetzung für das Erkennen der Motive ihres Tuns und Lassens.

Die moderne Meinungsforschung mit ihren mathematisch einwandfreien und praktisch bewährten Repräsentativumfragen ist für ihn eines der geeignetsten Instrumente, dem menschlichen Verhalten in bestimmten Situationen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens auf die Spur zu kommen. 1957 gründete Schmölders in Köln die "Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik". Dort wurden seither Untersuchungsergebnisse mancherlei Art verarbeitet: Über die Möglichkeiten und Grenzen einer Vermögensbildung der Arbeitnehmer, über die wirtschaftliche Situation des Mittelstandes, über das Wertpapiersparen, über Sparfähigkeit und Spartätigkeit in den unteren Einkommensschichten und über manches mehr.