Von Wolfgang Leonhard

Die Schüsse im Golf von Tonking haben viele Fragen aufgeworfen. Eine davon ist, wie sich die jüngste Krise auf den von Ho Tschi Minh geführten 14-Millionen-Staat Nordvietnam auswirken wird. Mehrere Jahre haben die Führer der Laodong- Partei ("Partei der Arbeit"), wie die offizielle Bezeichnung der KP Nordvietnams lautet, versucht, im Moskau-Peking-Konflikt eine neutrale Rolle zu spielen und mit allen Mitteln den völligen Bruch zwischen den beiden Zentren des Weltkommunismus zu verhindern.

Diese Politik erklärt sich aus der besonders schwierigen Situation des kommunistischen Nordvietnams. Nach der – auf der Genfer Indochina-Konferenz 1954 beschlossenen – Teilung Vietnams längs des 17. Breitengrads waren die großen Reisgebiete, die Ernährungsbasis des Landes, im Süden verblieben. Die schnelle Industrialisierung im Norden und die Unterstützung des "Bürgerkrieges" in Südvietnam (mit dem Ziel einer unter kommunistischen Vorzeichen stehenden Vereinigung des Landes) – dies sind die beiden großen Ziele Ho Tschi Minhs und seiner engsten Kampfgefährten. Das erste Ziel aber ist nicht ohne die Hilfe der Sowjetunion, das zweite nicht ohne die Unterstützung Pekings zu erreichen.

Die ökonomische Abhängigkeit Nordvietnams von der Sowjetunion ist immer noch so groß, daß ein völliger Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen für das Land katastrophale Folgen hätte.

Jene ungeschriebene nordkoreanische "Generallinie", sich sowohl mit dem kommunistischen China als auch mit der Chruschtschow-Regierung in Moskau gut zu stellen, brachte so lange keine Probleme, als die sowjetisch-chinesischen Beziehungen noch einigermaßen intakt waren. Im Juli 1955 hatte Ho Tschi Minh in Peking ein Beistandsabkommen unterzeichnet; das Land erhielt einen Kredit, und aus China trafen Techniker und Berater ein. Andererseits aber wurden auch die Beziehungen zur Sowjetunion nicht vernachlässigt: der Besuch des damaligen Staatspräsidenten Woroschilow in Hanoi im Mai 1957 und die anschließende große Reise Ho Tschi Minhs durch die Sowjetunion und die osteuropäischen kommunistischen Staaten im Sommer 1957 waren dafür die äußeren Zeichen. Von 1958 bis 1960 erhielt Nord Vietnam von der Sowjetunion Wirtschaftshilfe im Werte von 159 Millionen Dollar, während Peking 100 Millionen Dollar beisteuerte.

Diese recht günstige Situation – Unterstützung von beiden kommunistischen Großmächten – verändert sich jedoch, als sich im Frühjahr und Sommer 1960 der sowjetisch-chinesische Konflikt verschärfte. Während für manche anderen kommunistischen Länder gerade dies die Möglichkeit bot, durch eine geschickte Politik die eigene Autonomie und Unabhängigkeit zu verstärken, war Nordvietnam in einer weniger angenehmen Lage. Ein völliger Bruch zwischen Moskau und Peking mußte für Nordvietnam die Gefahr bedeuten, zu einem Satelliten Pekings herabzusinken. Daher der ständige Versuch Nordvietnams, eine solche Entwicklung zu verhindern und die beiden sich befehdenden Kontrahenten wieder auszusöhnen.

Aber das war in der Praxis nicht leicht. Schon auf dem dritten Parteitag der KP Nordvietnams im September 1960 prallten die prosowjetischen und prochinesischen ausländischen KP-Delegationen aufeinander. Die nordvietnamesischen Parteiführer, die auf diesem Kongreß einen ehrgeizigen Fünfjahresplan verkündeten (der nur durch sowjetische Wirtschaftshilfe zu verwirklichen war), empfingen zu jener Zeit die sowjetische Delegation weit herzlicher als den chinesischen Abgesandten. Auf der Moskauer Weltkonferenz der 81 kommunistischen Parteien Ende 1960 strebte Ho Tschi Minh auf einen Ausgleich hin, ja, seiner Bemühung soll es zum großen Teil zu verdanken gewesen sein, daß schließlich die kautschukartige Kompromißresolution der 81 Parteien angenommen wurde.