Von Katharina E. Russell

Mode ist Ware, für den Couturier wie für den Konfektionär; für die Frau ist sie ein bißchen mehr: Für sie ist Mode ein Wunschtraum, dazu oft ein Abenteuer. Zum Unterschied von den harten, kommerziellen Erwägungen, die darauf gerichtet sind, Umsatz und Zuwachsraten zu steigern, sieht sie im "neuen Kleid", sagen wir: die Verwirklichung ihres eigenen Idealbildes, zurückgestrahlt von den schlanken Gestalten der Mannequins oder von den Figurinen in den Schaufenstern. Beim Sieben der unzähligen Modevorschläge, die sich in ständigem Wechsel an sie wenden, spielen deshalb ihre individuelle Auffassung, ihr Temperament und die Phantasie eine entscheidende Rolle.

Ob wir’s nun wahrhaben wollen oder nicht: Der Nivellierung der Alltagsmode zum Trotz bleibt die Frau (mit Modeverstand) immer ein Individuum, das weder uniformiert noch reglementiert sein will. Daran sind letztlich alle Bestrebungen von Konfektionären und Modehandel, eine "risikolose" Mode zu propagieren, gescheitert: In Paris kann es sich kein Modeschaffender leisten, den "Unsicherheitsfaktor" auszuschalten. Beim Entwerfen eines neuen Modebildes wirken zahllose Imponderabilien mit: Nicht nur, daß jeder Couturier seine eigene Auffassung von Stil und Silhouette hat, er muß auch den Gesetzen der Rohmaterials, das er verarbeitet, und nicht zuletzt den Wünschen der anspruchsvollen Einkäufer gehorchen, die "verkäufliche" Ware mit nach Hause nehmen wollen.

Gerade dies habe nach Ansicht von Kritikern zu einer gewissen Monotonie in der modischen Szenenfolge geführt. Daran scheint etwas wahr zu sein, denn es erlaubte ein paar jungen Rebellen unter den Entwerfern "jenseits der Haute Couture", der Jugend einen "abseits vom Wege" liegenden Stil mit modernistischer Note vorzusetzen. Der unerwartet schnelle Erfolg solch geschickt gelenkter Nebenströme ist ziemlich einfach zu erklären: Ein enthusiastischer und begabter Nachwuchs (wie Emanuelle Khan Real, Graziella Fontana und Christian Bailly in Paris und Mary Quant mit ihren Satelliten in London) wendet sich an junge Menschen, die in den letzten Jahren nämlich enorm kaufkräftig und "kleiderbewußt" geworden sind. Gewisse Erwägungen, wie sie für den Couturier – sofern er überleben will – selbstverständlich sind, engen das Programm dieser jungen Leute nicht ein: Sie müssen nicht gleichzeitig an den zurückhaltenden oder avantgardistischen Geschmack der Jugend und an den der modisch erfahrenen Frau denken.

Mit der fortschreitenden "Sozialisierung" der Mode und den Forderungen der Kaufhaus-Psychologie treibenden Einkäufer sind die Grenzen für den Couturier noch enger gezogen. Es ist beinahe ein kleines Wunder, daß es ihm gelingt, seiner "Ware" dennoch die persönliche Handschrift aufzudrücken, die sogar die Vereinfachung durch die Konfektion meist übersteht.

Im Begriff des Modischen liegt die Forderung nach einer grundlegenden, zeitgebundenen Stilrichtung. An sie ist nicht nur der Modeschaffende, sondern auch die Frau gebunden. Das ist auch die einzige Einschränkung, die sie sich auferlegen muß, wenn sie nicht als Kuriosum aus dem Rahmen fallen will. Sonst gibt es – wie stets – auch in der kommenden Saison keine starren Regeln. Vielleicht könnte man die Weitherzigkeit, ja die Gegensätzlichkeit, der Gegenwartsmode als eine der interessantesten Entwicklungen bezeichnen. Selten war die Wahlfreiheit so groß wie heute und der Zwang, sich zu unterwerfen, so gering.

Doch schließlich gibt es nur einen Wegweiser, der zum Gut-angezogen-sein führt; er heißt: Das Kleid abstimmen auf Figur, Temperament, Gesamterscheinung, Lebensführung und die jeweilige Umgebung, wo es sich selbst und die Persönlichkeit einer Trägerin harmonisch zur Geltung bringen soll. Leitmotive und "Modeparolen" von Journalisten oder Pressereferenten bleiben meist jenseits von Gut und Böse, sie haben mit dem Geist der Mode ebensowenig zu tun wie die paar Zentimeter, die der Rock kürzer oder das Dekolleté tiefer propagiert wird. Was zu vermeiden und was vorzuziehen ist, wird sich von Saison zu Saison ändern; gleich wichtig bleibt immer die Geschmackssicherheit, mit der man die Mode sich selbst, nicht aber die eigene Person der Mode Untertan macht.