Paris, im August

Zwei von den drei Ländern des ehemaligen Indochina suchen Anlehnung an Paris. Laos und Kambodscha greifen nach dem Rezept der garantierten Nichteinmischung – oder auch der "Neutralisierung" – das General de Gaulle zur Lösung ihrer Schwierigkeiten anbietet. Liegt es für den General da nicht nahe, an die Möglichkeit zu glauben, daß auch die Leiden Vietnams schließlich mit dieser Formel geheilt werden könnten?

Ob er nicht sieht, daß er den pro-kommunistischen Kräften mit seiner Formel, die für Laos nur den Wert einer letzten, trügerischen Plattform vor der Anarchie haben mag, eine günstige Ausgangsposition anbietet? Er wird darauf antworten, daß der Kommunismus nicht in allen diesen Ländern der gleiche ist, daß die Sorge vor einer chinesischen Expansion den Menschen im Blut liegt und daß Rotchina und sie sich in fünf Jahren ruhiger Entwicklung weiter auseinanderleben können als in zehn Jahren Krieg. Er setzt auch hier auf den Polizentrismus der Welt, darauf, daß letzten Endes die nationalen Interessen über die ideologischen Gemeinsamkeiten siegen, und er möchte vor allem aus Ho Tschi Minh eine Art Südostasiens machen.

Darum paßt ihm die Krise im Golf von Tonking nicht ganz in sein Konzept. Sie beweist zwar, daß dieser Krieg der beiden Vietnam, je länger er dauert, die Amerikaner immer mehr in die asiatischen Wirren verstrickt. Aber die selbstmörderische Aktion der kleinen Vietminh-Flotte gegen die Seemacht Amerika kann – wenn die Berichte stimmen – auch nach französischer Ansicht nur in Peking ausgedacht worden sein, wo man alle Schliche anwendet, um Chruschtschow in Verlegenheit zu bringen. Sie beweist also den Grad der Abhängigkeit Ho Tschi Minhs von Peking – es sei denn, die Darstellungen, die man las, stimmten nicht ganz, und die siebente amerikanische Flotte hätte vielleicht nur das Feuer auf sich gezogen, das den Kommandotrupps aus Südvietnam, die auch im Golf von Tonking operierten, zugedacht war. Paris will diese Möglichkeit bis zum Beweis des Gegenteils nicht ausschließen. Sie paßt besser ins französsiche Konzept.

Dieses Konzept umfaßt drei Genfer Konferenzen, an denen die 14 Staaten teilnehmen sollen, die auch 1954 bei der Friedensregelung in Indochina zusammenwirkten: Sowjet-Rußland, Rotchina, USA, Großbritannien, Frankreich, Thailand, Indien, die Philippinen, Polen, Kanada, Laos, Kambodscha, Nordvietnam, Südvietnam. Das Konferenzziel sollte die Nicht-Einmischung und ihre Garantie durch ein Kontrollsystem sein. Nord Vietnam dürfte sich nicht in Südvietnam einmischen und Peking nicht in Nordvietnam.

Welches Interesse der Herr aus Nordvietnam, Ho Tschi Minh, an einer solchen Lösung haben sollte? In Paris glaubt man, ihn gut genug zu kennen, um voraussagen zu können, daß er für eine gewisse Distanzierung von Peking einen Preis zahlen würde. Welchen? Natürlich nicht den dauernden Verzicht auf die Wiedervereinigung Vietnams unter seinem revolutionären Banner. Schließlich hatte er 1954 dem Waffenstillstand nur gegen die Zusage einer Volksabstimmung nach Jahresfrist zugestimmt.

So weit geht die Pariser Argumentation. Wer sie weiterführen will, darf etwa folgende Überlegung anstellen: Wenn jetzt längere und dafür glaubwürdigere Fristen für die Wiedervereinigung Vietnams angeboten werden, warum sollte Ho Tschi Minh sie nicht annehmen? Und warum sollten in dieser Zeit nicht die Kommunisten in Südostasien unabhängig und eigenständig werden? Das hatten sie schon 1946 angestrebt – wurden aber damals von einer mit ideologischer Blindheit geschlagenen französischen Regierung daran gehindert.

Auf die Möglichkeit, daß diesen Überlegungen ein frommer Irrtum zugrunde liegt, daß der Ho Tschi Minh von 1964 niemals auch nur ein Stück des Weges wieder zu dem von 1946 zurückgehen kann, wird auch in Paris warnend hingewiesen. Aber General de Gaulle sieht eine neue Bestätigung für seine Politik in der Ankündigung, daß die drei politischen Lager, in die das Königreich Laos zu zerfallen droht, Ende August noch einmal einen Versuch zur Einigung machen wollen, und zwar durch eine Konferenz in Paris – im Bannkreis der Vorschläge zur Neutralisierung. Ernst Weisenfeld