Kaum ist der Telephonstreit abgeklungen, klagt die Bahn wieder einmal über ihre Finanznöte. Bundesbahnpräsident Heinz Maria Oeftering hat bereits zaghaft angekündigt, daß er möglicherweise einige Fahrpreise erhöhen müsse. Die Sozialdemokraten, die offensichtlich im Streit um die Tarife der öffentlichen Monopolbetriebe den ersehnten Wahlschlager wittern, haben sofort Alarm geschlagen. "Die staatliche Preistreiberei geht weiter."

Doch mit derartigen Fanfarenstößen ist wenig gewonnen. Zwar werden fast alle Leute, die sich über die Erhöhung der Telephongebühren geärgert haben – und wer hätte das nicht –, nur zu gern die Forderung unterstützen, nun müsse "endlich einmal mit den ständigen Tariferhöhungen Schluß gemacht werden". Gerade die leidige Telephonaffäre sollte uns jedoch deutlich gemacht haben, daß bei der Behandlung derartiger Themen weniger Propaganda und mehr Sachverstand wünschenswert ist.

Die Fakten sprechen eine harte Sprache: die Bundesbahn ist ein Verlustgeschäft. 1963 hat ihr Defizit rund 400 Millionen Mark betragen, in diesem Jahr werden es wegen neuer Lohnerhöhungen wohl gut 500 Millionen Mark werden. Oeftering: "Wir laufen immer hinter der Lohnentwicklung her, ohne aus dem Defizit herauszukommen." Was also soll das Gerede von der Preistreiberei des Staates? Irgendwer muß schließlich bezahlen, damit dieses Defizit verschwindet: entweder die Benutzer der Bahn oder die Steuerzahler.

Mit anderen Worten: Bei der Bahn heißt wie bei der Post die Frage, ob Tariferhöhungen oder Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt das kleinere Übel sind. Der einzige Ausweg wäre, mehr Kredite in Anspruch zu nehmen. Die Bahn aber droht schon heute unter einem Berg von Schulden zu ersticken: sie hat sich fast 12 Milliarden Mark geliehen, was sie jedes Jahr über eine halbe Milliarde Mark an Zinsen kostet.

Das Wichtigste wäre, erst einmal klare Verhältnisse zu schaffen. Wenn der Staat von Bahn und Post die Erfüllung bestimmter Gemeinschaftsaufgaben fordert, so muß er dafür zahlen. Wenn die Bahn unrentable Strecken fahren, die Tarife im Berufsverkehr ohne Rücksicht auf Kosten niedrighalten und alle Pensionäre der alten Reichsbahn unterhalten soll, dann muß sie den dafür notwendigen Betrag aus dem Haushalt erhalten.

Mit Flickwerk ist es nicht mehr getan. Nur eine Reform kann hier helfen, bei der man weder vor einer Änderung überholter Gesetze noch einem Bruch mit überalteten Traditionen zurückschrecken darf. Bahn und Post dürfen nicht als "Hoheitsbetriebe" geführt werden – sondern als moderne wirtschaftliche Unternehmen, an deren Spitze kaufmännisch versierte Manager und keine Politiker gehören. Nur dann wird man den Mut finden, alle Möglichkeiten zur Rationalisierung auszuschöpfen. Und nur wenn das geschehen ist, wird man vor die Verbraucher hintreten und notwendige Tariferhöhungen glaubhaft machen können. Denn daran führt nun einmal kein Weg vorbei: solange die Löhne steigen, werden Unternehmen mit einem so hohen Personalbestand wie Bahn und Post immer wieder gezwungen sein, die Tarife zu erhöhen – es sei denn, wir geben ihnen von Jahr zu Jahr höhere Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. So oder so – wir müssen bezahlen. Diether Stolze