Mitte vergangener Woche waren die Verhandlungen perfekt, über die so lange gerätselt worden war. Der Rheinstahl-Konzern hat vom Mehrheitsaktionär Dr. Fritz Aurel Goergen und einer amerikanischen Gruppe unter Führung der Morgan Guaranty Trust Company die Henschel-Werke AG, Kassel, übernommen. Runde 110 Millionen Mark mußte der Ruhrkonzern dafür zahlen. Das entspricht bei einem Grundkapital von knapp 63 Millionen Mark einem durchschnittlichen Erwerbskurs von fast 175 Prozent. Für Goergen, der seine Anteile an dem notleidenden, illiquiden Familienunternehmen des Lokomotiv-, Lastkraftwagen- und Maschinenbaus im Jahr 1957 für nur 25 Prozent erworben hatte, und weitere Anteile geschickt dazu gekauft und später teurer weiterveräußert hatte, war es das größte, wenn auch unfreiwillige, Geschäft seines Lebens. Er kassierte innerhalb von sechs Jahren nicht weniger als 60 Millionen Mark.

Alles andere als stattlich jedoch erschien den Amerikanern der Verkaufspreis. Denn sie hatten von Goergen seit 1961 Henschel-Aktien zum durchschnittlichen Kurs von 157 Prozent gekauft, nach zwei dividendenlosen Jahren also nur einen Kursgewinn von zwölf Prozent erzielt und für 1963 als Zeichen guten Willens sechs Prozent Dividende erhalten.

Betrachtet man die in diesen Tagen veröffentlichte Henschel-Bilanz, dann wird deutlich, daß die Ausschüttung von 3,3 Millionen Mark einem Kraftakt gleichkommt, der im Interesse der Gesellschaft besser unterblieben wäre. Die Reserven haben mit 3,3 Millionen Mark noch nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebene Höhe von zehn Prozent des Grundkapitals erreicht.

"Die Henschel-Werke sind heute einem Manne vergleichbar, der von einer lebensgefährlichen Lungenentzündung genesen ist, aber während seiner langwierigen Krankheit jedes Gramm Fleisch von den Rippen verloren hat stellte der vom Staatsanwalt verfolgte Henschel-Sanierer Goergen in diesen Tagen fest.

Der für 1963 ausgewiesene Überschuß (Reingewinn plus Zuführung zu den Rücklagen) von knapp 3,5 Millionen Mark, der den echten Gewinn darstellen dürfte, entspricht nur einem Anteil von 0,7 Prozent am Umsatz, der übrigens bei Henschel im vergangenen Jahr um zwei Prozent auf 467 Millionen Mark zurückging. Diese Gewinnrelation erreicht nicht einmal die Hälfte dessen, was ähnlich strukturierte Unternehmen trotz der Bildung stiller Rücklagen erzielen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Bei der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) liegt die Umsatzrendite bei gut 1,5 Prozent, bei Klöckner Humboldt-Deutz erreicht sie 2,1 Prozent.

Auch der Steuerausweis zeigt, wie wenig sich das Kasseler Unternehmen bislang ertragsmäßig mit anderen Gesellschaften messen kann, wenn man davon absieht, daß möglicherweise Verlustvorträge in der Steuerbilanz den Steuerbetrag mindern. Die ertragsabhängigen Steuern, die sich im vergangenen Jahr bei Henschel wegen der Dividendenzahlung von 7,9 auf 7 Millionen Mark ermäßigt haben, liegen mit 1,5 Prozent vom Umsatz weit unter dem Durchschnitt aller Industrieunternehmen, bei denen sie um etwa fünf Prozent schwanken. So sehr es Goergen auch gelang, die Personalkosten durch Rationalisierung niedrig zu halten, die Kapitalkosten sind zu einer drückenden Last für Henschel geworden. Mit 12 Millionen Mark jährlich werden, nun 2,6 Prozent vom Umsatz oder ein Fünftel des Grundkapitals dafür aufgewandt!

Schon diese Zahlen beweisen, daß sich der Rheinstahl-Konzern beim Kauf der Henschel-Werke nicht vom kurzfristigen Ertragsdenken leiten ließ. Denn dann hätte der Käufer, wie eine kurze Rechnung zeigt, kaum die Hälfte zahlen dürfen. Ausgehend vom Jahresüberschuß von 3,48 Millionen Mark errechnet sich der vergangenheitsorientierte Ertragswert unter Zugrundelegung des landesüblichen Zinsfußes von 6 Prozent und einem unternehmerischen Risikozuschlag von 2 Prozent nach der Formel