gesamt problematisch sein, mahnt nicht umsonst an Liszt " Siegfrieds Trauermusik — ein lärmendes, kompositorisch nicht gelöstes Ereignis? Adorno spricht von der jüngsten Wiener Karajan Inszeiiierung der "Götterdämmerung", die ich nicht gesehen habe. Wenn ich mir statt dessen alle Bayreuther Inszenierungen des Trauerkonduktes seit 1951 in Erinnerung rufe, dann muß ich Adorno recht geben.

Der Trauermarsch in der "Götterdämmerung" ist jedoch als ein Stück Musikdrama, als auf der Bühne darzustellende Musik komponiert worden. Als solche habe ich sie, von Heinz Tietjen in der Berliner Staatsoper und im Bayreuther FestspielUnd nun überlege man, was von Richard Wagner übrig bleiben würde, wollte man einesteils Musikgelehrten wie Adorno, andererseits musikfremden Regisseuren wie Wieland Wagner Fairplay zugestehen. Die Adornos würden nach Durchsicht der Partitur eliminieren, was ihnen heute, musikzünftlerisch betrachtet, schwach an Richard Wagner erscheinen mag. Es würden, fürchte ich, von manchem Stück nur anderthalb bis zwei Stunden bestehen — Richard Wagner gekürzt für den Normalverbraucher.

Dirigenten, die wie Furtwängler und Knappertsbusch sich von neuem in Wagner Konzerte geflüchtet hatten, als Protest gegen szenische Mißhandlung der Werke, sie mußten sehr bald feststellen: als absoluter Musiker trägt der Alte nicht. Nur wer in sich selber szenische Erinnerungen bereithält, kann "Wagner Konzerte" (und seis auf Schallplatten) aushaken.

Die Wielands hingegen kürzen und kompilieren, weil es ihre "Inszenierungsidee" verlangt. Sie bedrängen schwächere Dirigenten, in Tempo und Dynamik Richard Wagner so zu modifizieren, daß sie selber, die neunmalklugen Inszenatoren, möglich — und nicht vor dem Genie des omnipotenten Musikdramatikers Richard Wagner zuschanden — werden.

Wer will da entscheiden, was gerecht, vertretbar, modern, in der verbliebenen Essenz noch werktreu ist? Als Kritiker plädiere ich im Zweifelsfall für den Schöpfer. Vor ihm hat sich der Interpret zu bewähren, nicht umgekehrt. Damit ist erst ein Teil der Frage beantwortet worden, die Sie, lieber Leonhardt, uns "Brennpunkt" Diskutanten gestellt haben.

Ich wähle für meinen Beitrag die Form eines Offenen Briefes — einmal, weil ich mich gleichsam "in eigener Sache" äußern muß, der "Staatsfeind haus inszeniert, wieder und wieder gesehen (ja: gesehen). Da entsprach jedem Schritt im Orchester eine Bewegung auf der Bühne, die sich vollkommen mit dem jeweiligen musikalischen Geschehen deckte. Wenn der Zug auf dem ansteigenden Waldboden die Höhe der Rheinlandschaft erreicht hatte, wenn auf dem Gipfel der musikalischen Entwicklung plötzlich Mondlicht auf Siegfrieds Leichnam fiel, wenn gleichzeitig im Orchester die schweren Fortissimo Schläge von Furtwängler zu höchster Ausdrucksgewalt verdichtet wurden — da war das Aufschluchzen einer fast zweitausendköpfigen Hörerschaft im Zuschauerraum vernehmbar. Hier war Musik inszeniert und damit erfüllt worden.

Nr l" des neuen Bayreuth, wie mich "Der Spiegel" einmal tituliert hat. Zum ändern möchte ich vor unseren Lesern, denen Sie Bayreuth "interessanter" als bisher machen wollen, etwas sagen, was wir intern schon manches liebe Mal besprochen haben, sozusagen eine Erklärung abgeben: Es geht mir nicht um pro oder contra Wieland und Wolf gang Wagner als Personen. Sie sind die angestammten Erben des Bayreuther Familientheaters. Ich betreibe keine Personalpolitik. Winifred Wagner war in einer glücklichen Lage, als ihr nach dem Tode ihres Mannes Siegfried das Bayreuther Erbe zufiel. Damals gab es einen Tietjen. Ihm konnte Frau Winifred, klug, selbstkritisch und einer Empfehlung Siegfried Wagners folgend, die künstlerische Oberleitung übertragen. Damals gab es in voller Schaffenskraft einen Emil Preetorius als Ausstattungsleiter — von Furtwängler, dem "Hauptdirigenten", und anderen Musikern ganz zu schweigen.