Werner Klose: Generation im Gleichschritt; Stalling-Verlag, Oldenburg; 296 Seiten, 19,80 DM.

Verführt, verraten – und verlassen" – so betitelt Werner Klose das bekannte Photo eines weinenden Hitlerjungen vor dem grauen Himmel der Niederlage. Dieser Junge steht für eine ganze Generation, die man um ihre Jugend betrogen hat. Viele starben einen sinnlosen Tod im panischen Kriegseinsatz der letzten Monate, einige gaben ihr Leben für die Freiheit, wie die Geschwister Scholl und ihre Freunde – alle wurden als "Staatsjugend" gezwungen, dem Totalitätsanspruch der Diktatur die individuelle Entwicklung der Jugendjahre zu opfern.

Die jüngere Generation der nach 1935 Geborenen neigt heute leicht dazu, den Idealismus und die Einsatzbereitschaft der Hitlerjugend mit einem ironischen Lächeln abzutun. Verwundert fragt sie nach den Gründen für diese Begeisterung. Kloses Bericht gibt ihnen die Antwort. Er schildert die Trostlosigkeit der sterbenden Weimarer Republik, die Dankbarkeit der Jugend für positive Ziele und straffe Führung. Geheimnisvolle Mythen, symbolträchtige Kulthandlungen, wie sie der Nationalsozialismus pflegte, haben Jugendliche zu allen Zeiten angesprochen. Blut und Fahne, dazu das Erlebnis von Fahrt und Lagerfeuer, schufen das Gefühl der verschworenen Gemeinschaft, der Elite. Sport und Spiel, Lied und Volkstanz spielten im Hitlerjugend-Dienst eine große Rolle. Im Krieg war die Jugend stolz auf die verantwortungsvollen Aufgaben, die man ihr übertrug. Sie fühlte sich unentbehrlich und ernst genommen.

Werner Klose gehört selber der Generation der Hitlerjugend an. Seinem Buch liegt neben offiziellen Dokumenten und zeitgenössischen Berichten auch persönliches Erleben zugrunde. Um so anerkennenswerter ist sein maßvolles, vorsichtig abwägendes Urteil, die Verhaltenheit seiner Anklage.

Seine eigene Generation mag dieses Buch weit von sich weisen. Sie braucht es nicht. Für die Jüngeren wird es dagegen heilsam sein, sich mit den Erwartungen, Leiden und Opfern dieser betrogenen Jugend auseinanderzusetzen. Vielleicht werden sie begreifen, daß sie ihre persönliche Freiheit, die Individualität ihres Lebensstils nicht zuletzt den Erfahrungen und Enttäuschungen der Hitlerjugend verdanken.

Urte v. Kortzfleisch