R. B., Berlin

Annie – ganze 24 Jahre alt – ist Gastarbeiterin in Berlin. Als ich sie engagierte und fragte, ob sie denn auch kochen könne, warf sie ihren Kopf in den Nacken und sagte auf französisch: "Aber Monsieur, ich bin Französin", und sie kann kochen.

Annie hat eine gute Meinung vom Berliner Senat: Er bezahlte ihr die Fahrt, gab ihr eine Überbrückungshilfe von 100 Mark im ersten und je 50 Mark in den beiden folgenden Monaten. Jedes halbe Jahr darf sie einmal auf Senatskosten nach Hause fahren. Und sollte sie endgültig in Westberlin bleiben, dann kann sie damit rechnen, daß ihr der Transport ihrer Habe keinen Pfennig Spesen verursachen wird. Für ihren Lohn erhält Annie, wie alle anderen Berliner, eine dreißigprozentige Lohnsteuerpräferenz und außerdem noch eine Zulage, man könnte es auch eine negative Steuer nennen, von 5 bis 1 Prozent; die Gastarbeiter mit geringem Lon erhalten natürlich die 5 Prozent.

Eines Tages wird Annie, wieder mit Hilfe des Senats, den Musikstudenten heiraten, den sie sich bereits erkoren hat. Der Senat gibt ihr dann ein Familiengründungs-Darlehen von 3000 Mark. Das Geld ist zinslos und braucht erst vom zweiten Jahr an bis zum elften Jahr zurückgezahlt zu werden. Sollte Annie Kinder bekommen, kann sie das Darlehen behalten; beim ersten Kind gelten 750 als zurückgezahlt, beim zweiten weitere 1000 Mark und beim dritten Kind schließlich der Rest. Und Annie wird bestimmt drei Kinder bekommen.

Annie gehört zu der beachtlichen Schar von Gastarbeitern, die seit dem Bau der Mauer nach Westberlin gekommen sind. Als Ulbricht die Mauer bauen ließ und damit den Grenzgänger-Verkehr unterbrach, fehlten der Westberliner Wirtschaft über Nacht 63 000 Arbeitskräfte. Damals begann der Senat seine große Werbeaktion unter dem Motto: "Deine Chance ist Berlin."

Der Erfolg war größer als erwartet. Bis heute sind 60 365 Arbeitnehmer aus der Bundesrepublik nach Berlin gekommen, und jährlich kommen 26 000 bis 28 000 dazu. Aus dem Ausland kamen bisher über 8000. Annie ist eine von ihnen.

Ein Problem allerdings vermochte der Senat trotz großer Anstrengungen noch nicht befriedigend zu lösen: er konnte für die meisten Neuankömmlinge keine ausreichende Unterkunft beschaffen. Das gilt vor allem für die Familien. Der Senator für Wirtschaft, Professor Karl Schiller, schrieb in seinem Junibericht über die Lage der Berliner Wirtschaft: "Es hat sich gezeigt, daß auch Fachkräfte mit Familien in größerer Zahl als erwartet aus Westdeutschland zuziehen, die mit Wohnraum zu versehen sind." Bis jetzt seien annähernd 8000 dieser Familien bei Berliner Wohnungsämtern registriert. Die Beobachtungen ließen eine steigende Zuwanderung westdeutscher Familien vermuten. Schon jetzt sei es nicht möglich gewesen, etwa 1500 Familien im Jahr mit Wohnraum zu versorgen. "Zur Zeit warten noch rund 3300 westdeutsche Familien auf eine Wohnung, von denen ungefähr 600 noch in Westdeutschland wohnen." Nach Schillers Ansicht könne das für 1964 geplante Sonderbauprogramm von tausend Wohnungen für westdeutsche Familien zwar die Lage etwas entspannen, es genüge aber nicht, zumal noch viele "Zugereiste" in Westberlin heiraten. Wie eines Tages auch Annie, die Berliner Französin.